DEGAM 2021
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Vortrag - Präventionskonzepte neu gedacht (Live)

Moderatoren: Ballmann , Cora , Dr. med. (Institut für Allgemeinmedizin, München, Deutschland); Zimmermann , Thomas , Dr. (Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin, Hamburg, Deutschland)
 
Shortcut: V-20
Datum: Freitag, 17. September 2021, 17:30 - 18:30
Raum: Audimax Seminarraum 2
Sessiontyp: Vortrag

Abstract

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17:30 V-20-01

Soziale Probleme in der hausärztlichen Praxis – eine Wartezimmer-Fragebogenstudie zur Sicht der Patient:innen (#339)

T. Zimmermann1, V. Gosch1, T. Kloppe1, B. Tetzlaff1, C. Mews1, M. Scherer1

1 Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin, Hamburg, Deutschland

Hintergrund

Soziale Probleme sind häufige Begleitumstände in der hausärztlichen Versorgung. Arbeitslosigkeit, Finanzsorgen, Partnerschaftskonflikte, der Tod oder die Erkrankung von Angehörigen können Erkrankungszustände auslösen, den Verlauf und die hausärztliche Beratung beeinträchtigen. Über die Sicht der Patient:innen auf den Umgang mit sozialen Problemen in der Hausarztpraxis ist bisher wenig bekannt.

Fragestellung

Hausärztliche Patient:innen wurden zum Auftreten von sozialen Problemen im eigenen Leben befragt. Ergänzend wurden sie gebeten, Handlungserwartungen an sich und ihre Hausärzt:innen zu dokumentieren, um erwünschte Unterstützungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Methoden

Querschnittliche, anonyme Wartezimmer-Fragebogenstudie in neun hausärztlichen Praxen in der Metropolregion Hamburg, die anhand ihrer sozialräumlichen Lage stratifiziert wurden. Der Fragebogen thematisierte 14 unterschiedliche soziale Problemlagen, aus den Kapiteln Z von ICPC-2 und ICD-10.

Ergebnisse

336 Patient:innen (53,1% weiblich, 46,9% männlich, MW Alter 46,6 J., Spanne 18-94 J.) nahmen teil. Krankheit/Tod von Angehörigen oder Freunden (63,3%), Belastungen am Arbeitsplatz (37%) und Konflikte mit nahestehenden Personen (36,4%) waren die häufigsten genannten Probleme. Der überwiegenden Mehrheit konnte in der Praxis geholfen werden. Die Patient:innen bevorzugten es, Probleme selbst anzusprechen (Einsamkeit 55,6%, Arbeitslosigkeit 57,2%, Krankheit/Tod von Angehörigen oder Freunden 61,9%, Pflege von Familienangehörigen 61,1%, Sucht/Abhängigkeit 56,1%). Bei „Missbrauch oder körperlicher bzw. seelischer Misshandlung“ sprachen sich 48,4% für die aktive Thematisierung durch die Hausärzt:in aus. Zur Unterstützung wünschten sich die Patient:innen Broschüren, Adressen und Kontakte zur  Sozialberatung sowie zu Selbsthilfegruppen. Die sozialräumlichen Lage der Praxis hatte keinen Einfluss.

Diskussion

Patient:innen sehen in ihren Hausärzt:innen eine wichtige Ressource bei sozialen Problemen. Allerdings möchten Patient:innen mehrheitlich selbst die aktive Gesprächsführung übernehmen. Die von den Patient:innen erwünschte Zusammenstellung und das Vorhalten von Informationen setzt ein hohes, im KV-System nicht vergütetes Engagement der Hausärzt:innen voraus.

Take Home Message für die Praxis

  • Patient:innen nehmen Broschüren und Flyer gerne an.
  • Patient:innen haben differenzierte Erwartungen an ihre Hausärzt:innen.
  • Hausärzt:innen können soziale Probleme mit der gebotenen Rücksicht/Feinfühligkeit thematisieren.

Stichwörter: Soziale Probleme, Wartezimmerbefragung, Sicht der Patient:innen, ICD10, ICPC-2
17:42 V-20-02

POWER – Verbesserung der physischen Leistungsfähigkeit und Lebensqualität von gefährdeten Personen durch begleitetes Spazierengehen: Eine qualitative Substudie – (#403)

N. Grede1, J. Muth1, A. Schneider1, N. Donner-Banzhoff1

1 Philipps-Universität Marburg, Abteilung für Allgemeinmedizin, Marburg, Hessen, Deutschland

Hintergrund

Um die Entwicklung oder Verschlimmerung von chronischen Krankheiten bei älteren Menschen zu verhindern, ist es wichtig, eine regelmäßige körperliche Aktivität aufrechtzuerhalten. Die WHO empfiehlt mindestens 2,5 Stunden körperliche Aktivität pro Woche, diese Empfehlung erfüllen allerdings 73,4% der deutschen Frauen und 66,5% der deutschen Männer über 65 Jahre nicht. Daher ist körperliche Inaktivität eines der größten Public-Health Probleme, insbesondere bei älteren Menschen.

Fragestellung

Im Rahmen der Substudie soll untersucht werden, welche subjektiven Erfahrungen die Teilnehmer sowie die ehrenamtlichen Begleiter mit dem Gesundheitsprogramm POWER gemacht haben. Wie ließ sich das Programm seitens der Teilnehmer und ehrenamtlichen Begleiter im Alltag umsetzten und welche Herausforderungen brachte es mit?

Methoden

Nach der Interventionsphase der Hauptstudie wurden zwei Fokusgruppen mit zufällig ausgewählten ehrenamtliche Begleitpersonen durchgeführt. Darüber hinaus wurden insgesamt neun Einzelinterviews mit Teilnehmer*innen aus der Interventionsgruppe geführt. Mittels semi-strukturierten Leitfaden wurden die Teilnehmer*innen gebeten, ihre Erfahrungen sowie positive und negative Aspekte der Intervention zu diskutieren. Das Material wurde aufgezeichnet und vollständig transkribiert. Die Codierung erfolgte mit MAXQDA. Das Gesamtmaterial wird mit einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet.

Ergebnisse

Gegenwärtig befindet sich die Interviews in der Auswertung. Es wird erwartet, dass beim Kongress die Ergebnisse präsentiert werden können.

Diskussion

Trotz zunehmender altersgerechter Maßnahmen von Gesundheits- und Gemeindeorganisationen, ist der Anteil der aktiven älteren Personen sehr gering. Daher sind neue Methoden zur Förderung von Sport und anderen körperlichen Aktivitäten erforderlich.

Take Home Message für die Praxis

Ein großer Teil der älteren Bevölkerung scheint sich in einem Teufelskreis von Bewegungsmangel, Verlust der körperlichen Funktion und sich verschlechternden chronischen Krankheiten zu befinden. Es sollten zukünftig weitere Bewegungsprogramme systematisch bei dieser Zielgruppe untersucht werden.

Stichwörter: Spazierengehen, psychosoziales Wohlbefinden, qualitative Inhaltsanalyse, Einzelinterviews, Fokusgruppen
17:54 V-20-03

Machbarkeit einer hausärztlichen Kurzintervention für die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Erwachsenen (#64)

C. Ballmann1, M. Steffens2, M. Schulze2, S. Nauerz1, M. Berger3, A. Philipsen2, J. Gensichen1

1 LMU Klinikum, Institut für Allgemeinmedizin, München, Bayern, Deutschland
2 Universitätsklinikum Bonn, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Bonn, Deutschland
3 Universitätsklinikum Freiburg, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Bonn, Deutschland

Hintergrund

ADHS bei Erwachsenen ist häufig in der Primärversorgung, leider teilweise fehldiagnostiziert und beeinträchtigend, aber hoch sensitiv für eine Behandlung. Neben Medikamenten hat kognitive Verhaltenstherapie einen positiven Effekt auf die Symptome.

Fragestellung

Wie steht es um die Machbarkeit und Akzeptanz einer verhaltenstherapeutisch basierten Kurzintervention im hausärztlichen Setting?

Methoden

Für diese prospektive interventionelle Machbarkeitsstudie wurden sechs allgemeinmedizinische Praxen (Hausärzt:innen 50 % weiblich) rekrutiert. Nach einer strukturierten Schulung erfolgte der Einschluss der Proband:innen (n = 11, ADHS-Diagnose, 18–65 Jahre) und die Durchführung der Intervention (4 Sitzungen à 30 Min.). Erhoben wurde der Conner’s Adult ADHD Rating Scale (CAARS-S) prä/post als ein Maß für die Symptomschwere. Proband:innen (Fragebogen) und Hausärzt:innen (semistrukturiertes Interview) bewerteten die Intervention, wobei Hausärzt:innen speziell zur Machbarkeit in der allgemeinmedizinischen Praxis befragt wurden. Es wurden Häufigkeiten deskriptiv, explorativ analysiert.

Ergebnisse

Die Einschätzungen der Proband:innen- und Hausärzt:innenbewertungen zeigten positive Hinweise bezüglich der Symptomschwere und des Befindens der Proband:innen nach der Kurzintervention. Hausärzt:innen hatten einen positiven Gesamteindruck des Konzepts und dessen Machbarkeit. Kritisiert wurden insbesondere der zeitliche Aufwand sowie eine (noch) fehlende Abrechnungsmöglichkeit. Die Psychoedukations- und die Achtsamkeitssitzung wurden am besten bewertet. Alle Proband:innen würden sich wieder für die Kurzintervention entscheiden.

Diskussion

Die untersuchte Kurzintervention für erwachsene ADHS-Patient:innen wurde sowohl von Patient:innen als auch von ärztlicher Seite als hilfreich und praktikabel bewertet. Da es sich um eine Machbarkeitsstudie handelt, konnte nur eine nicht repräsentative Stichprobe einbezogen werden. Folgestudien sollten prüfen, ob die Versorgung von erwachsenen ADHS-Patient:innen durch eine entsprechende Einbindung von Hausärzt:innen im Sinne eines Stufenmodells verbessert werden kann.

Take Home Message für die Praxis

ADHS bei Erwachsenen ist ein häufiges Krankheitsbild in der Primärversorgung. Eine verhaltenstherapeutisch adaptierte Kurzintervention könnte nach weiterer Prüfung zukünftig eine Behandlungsoption im hausärztlichen Setting darstellen.

Stichwörter: ADHS, Erwachsene, Kurzintervention
18:06 V-20-04

POWER – Verbesserung der physischen Leistungsfähigkeit und Lebensqualität von gefährdeten Personen durch begleitetes Spazierengehen: Eine randomisierte kontrollierte Studie – (#202)

N. Grede1, J. Muth1, A. Schneider1, U. Trampisch2, S. Weissbach2, A. Sönnichsen3, N. Donner-Banzhoff1

1 Philipps Universität Marburg, Abteilung für Allgemeinmedizin, Marburg, Hessen, Deutschland
2 Universität Witten/Herdecke, Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Witten, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
3 Medizinische Universität Wien, Abteilung für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Zentrum für Public Health, Wien, Österreich

Hintergrund

Derzeit sind 21 % der deutschen Bevölkerung älter als 65 Jahre. Da Bewegungsmangel mit vielen chronischen Erkrankungen vor allem bei älteren Personen in Verbindung steht, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation mindestens 2,5 Stunden moderate physische Aktivität pro Woche. Das Ziel der POWER-Studie ist es, zu untersuchen, ob ehrenamtlich begleitetes Spazierengehen die körperliche Leistungsfähigkeit und Lebensqualität älterer Menschen verbessert.

Fragestellung

Verbessern regelmäßige begleitete Spaziergänge die körperliche Leistungsfähigkeit und Lebensqualität von älteren Personen?

Methoden

Es wurden insgesamt 206 Personen die 65 Jahre und älter sind und sich aufgrund physischer Einschränkungen und fehlender sozialer Ressourcen nicht mehr ausreichend mobilisieren können, in die multizentrische randomisierte kontrollierte Studie eingeschlossen. Die Personen der Interventionsgruppe wurden 6 Monate lang durch ehrenamtliche Begleitpersonen bis zu dreimal wöchentlich zu einem Spaziergang zwischen 30 und 50 Minuten begleitet. Die Personen der Kontrollgruppe erhielten zwei Vorträgen, die gesundheitsbezogene Themen beinhalteten.

Primärer Endpunkt ist die körperliche Funktion, gemessen mit der Short Physical Performance Battery (SPPB) zu Studienbeginn, nach 6 und 12 Monaten. Sekundäre und Sicherheitsendpunkte sind Lebensqualität (EQ5D), Sturzangst (Falls Efficacy Scale), körperliche Aktivität (Aktivitätstagebuch), kognitive Exekutivfunktion (Clock Drawing Test), Stürze, Krankenhausaufenthalte und Tod.

Ergebnisse

Gegenwärtig befindet sich die Studie in der Analyse. Es wird erwartet, dass beim Kongress die Ergebnisse präsentiert werden können.

Diskussion

Wir erwarten, dass die Intervention den allgemeinen Gesundheitszustand der Teilnehmer*innen in einer Vielzahl von gesundheitsbezogenen Outcomes verbessert. Wenn die Wirksamkeit nachgewiesen werden kann, wird diese niedrigschwellige Intervention eine wichtige Lücke in der derzeitigen Versorgung älterer Menschen schließen. Des Weiteren soll die Intervention in bestehende Hilfsstrukturen implementiert werden um einen Transfer in andere Regionen zu ermöglichen.

Take Home Message für die Praxis

Bei der Planung und Durchführung von randomisierten kontrollierten Studien mit Einbezug von Hausarztpraxen als Rekrutierer sollte berücksichtigt werden, dass die Anzahl der rekrutierten Patienten pro Praxis trotz hoher Anzahl an potentiell geeigneten Patienten niedrig sein kann.

Stichwörter: Spazierengehen, RCT, Ältere Personen, ehrenamtliche Helfer, körperliche Leistungsfähigkeit
18:18 V-20-05

Was erzählen Hausärzt*innen über ihre Patient*innen, wenn Sie ihnen keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bei psychischen und somatoformen Beschwerden ausstellen? (#421)

B. Gaertner1, M. Herrmann1

1 Otto von Guericke Universität Magdeburg, Medizinische Fakultät, Institut für Allgemeinmedizin, Magdeburg, Sachsen-Anhalt, Deutschland

Hintergrund

Mit der Attestierung von Arbeitsunfähigkeit (AU) wird Patient*innen ein sozialrechtlicher Status zugeschrieben, der vor sozialen und gesundheitlichen Folgen im Krankheitsfall absichern soll. Nicht alle Patient*innen, die psychische und somatoforme Beschwerden präsentieren und deswegen den Wunsch nach einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorbringen, bekommen dieses Attest. Hausärzt*innen stehen vor der Aufgabe, Beschwerden und Bedürfnisse zu beurteilen. Jedoch sind sie auch gefordert Missbrauch zu erkennen und Folgeschäden von "Krankschreibung" wie Vermeidungsverhalten und Dekonditionierung von ihren Patient*innen abzuwenden.

Fragestellung

Aus welchen Gründen entscheiden sich Hausärzt*innen bei Patient*innen mit psychischen und somatoformen Beschwerden keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auszustellen?

Methoden

Im Rahmen des DFG geförderten qualitativen Forschungsprojekts "Zwischen Fall- und Systembezug -Professionelles Selbstverständnis und Handlungslogiken von Hausärzt*innen bei der Attestierung von Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Beeinträchtigung" wurden im Zeitraum von 2015-2017 mit 28 Hausärzt*innen und 8 ÄIW leitfadengestützte Interviews geführt. Die Auswertung der Daten erfolgte im Forschungsstil der Reflexiv Grounded Theory nach Breuer unter Verwendung der Software MaxQDA.

Ergebnisse

Die von den interviewten Hausärzt*innen berichteten Entscheidungen, Patientenwünsche nach einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zurückzuweisen, deuten auf folgende Einflussfaktoren hin: patientenseitige Anspruchshaltung, Symptomaggravierung, Medikalisierung sozialer Probleme, dysfunktionaler Umgang mit Gesundheit und Krankheit, indirekte Attestierungsaufträge von Vorgesetzten und Arbeitsagentur. Arztseitig leitend ist ein autoritatives professionelles Selbstverständnis. Interaktionell weist die Verweigerung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auf eine ungefestigte Arzt-Patient-Beziehung hin, die durch Meinungsverschiedenheiten zusätzlich belastet wird.

Diskussion

Die Attestierung von AU stellt eine Intervention dar, die sozialrechtliche Konsequenzen hat und den Status von Patient*innen als passager arbeitsunfähig ermöglicht. Arbeitsunfähigkeit nicht zu attestieren oder deutlich zu begrenzen kann helfen, Missbrauch zu verhindern und Folgeschäden durch  Dekonditionierung und Vermeidungsverhalten sowie iatrogener Chronifizierung abwenden. Andererseits besteht das Risiko, realen Bedürfnissen von Patient*innen nicht gerecht zu werden. Darüber hinaus kann die Verweigerung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu erheblichem Vertrauensverlust führen.

Take Home Message für die Praxis

Sorgfältige Identifizierung und Reflexion patienten- und drittseitiger Wünsche nach Attestierung von Arbeitsfähigkeit kann dazu beitragen Patient*innen stärker in die Verantwortung für die eigene Gesundheit einzubinden und Chronifizierungsfolgen zu vermeiden.

Stichwörter: Arbeitsunfähigkeitsattest, psychische Beschwerden, somatoforme Beschwerden, Patientenansprüche, Sozialmissbrauch