DEGAM 2021
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Vortrag - Freie Themen (Live)

Moderatoren: Marx , Gabriella , Dr. disc. pol. (Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin, Hamburg, Deutschland); Herrmann , Wolfram , Prof. Dr. (Institut für Allgemeinmedizin, Berlin, Deutschland)
 
Shortcut: V-13
Datum: Freitag, 17. September 2021, 11:30 - 13:00
Raum: Audimax Seminarraum 2
Sessiontyp: Vortrag

Abstract

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11:30 V-13-01

Interviewstudie zu Bewegung bei chronischen Rückenschmerzen (#14)

N. Lindner1, J. Heisig1, V. van der Wardt1, A. Viniol1

1 Philipps Universität Marburg, Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin, Marburg, Deutschland

Hintergrund

Rückenschmerzen sind die zweithäufigste Ursache für Krankschreibungen in Deutschland. 14,4% aller Arbeitnehmer*innen leiden an chronischen Rückenschmerzen. Die Kosten für die Behandlung, Rehabilitation und vorzeitige Berentung von Menschen mit chronischen Rückenschmerzen werden dabei auf bis zu 25 Mrd. Euro geschätzt. Die effektivste Therapie stellt die regelmäßige Bewegung dar. Die Motivation des Patienten, sich mehr zu bewegen und das Verhalten dahingehend dauerhaft zu ändern, ist deshalb wesentlicher Bestandteil für einen Behandlungserfolg von chronischen Rückenschmerzen. Ziel dieser Interviewstudie ist es daher Formen der Unterstützung für Hausärzt*innen und Patient*innen zu untersuchen.

Fragestellung

Wie können Patient*innen aus ihrer eigenen Sicht und aus der Perspektive der Hausärzt*innen unterstützt werden sich mehr zur Behandlung ihrer chronischen Rückenschmerzen zu bewegen?

Methoden

Die semi-strukturierte Interviewstudie wird zwei Gruppen, eine mit Patient*innen mit chronischen Rückenschmerzen und eine mit Hausärzt*innen beinhalten. Abhängig von der thematischen Sättigung ist geplant je Gruppe 12-20 Teilnehmer*innen zu interviewen. Im Anschluss werden die Interviews deduktiv ausgewertet.

Ergebnisse

Die Interviewstudie soll Formen der Unterstützung für Hausärzt*innen und Patient*innen zu Bewegung bei chronischen Rückenschmerzen untersuchen. Erste Ergebnisse werden im September vorliegen.

Diskussion

Es stellt eine Herausforderung dar Patient*innen mit chronischen Rückenschmerzen nachhaltig zu Bewegung zu motivieren. Hierbei sind Individualisierung der Bewegungstherapie, Patientenpräferenzen und das Gefühl, selbst für die Entscheidung zur Bewegung verantwortlich zu sein, wichtige Einflussfaktoren. Darüber hinaus können gemeinsame Entscheidungen von Arzt und Patient (Shared Decision Making) mit konkreten Zielsetzungen für den Patienten eine Verhaltensänderung erleichtern.

Take Home Message für die Praxis

Die Interviewstudie soll Unterstützungsstrategien für Hausärzt*innen und Patientinnen zur Behandlung von chronischen Rückenschmerzen aufzeigen.

Stichwörter: Chronische Rückenschmerzen, Bewegung, Shared-decision-making, Motivierende Gesprächsführung, Interviewstudie
11:42 V-13-02

Befragung zum Wissen der Bevölkerung über die palliativmedizinische Betreuung in der Steiermark (#23)

U. Spary-Kainz1, M. Soper1, A. Avian2, D. Jahn-Kuch3, A. Siebenhofer1, 4

1 Medizinische Universität Graz, Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung, Graz, Steiermark, Österreich
2 Medizinische Universität Graz, Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Dokumentation, Graz, Steiermark, Österreich
3 LKH-Univ. Klinikum Graz, Universitäre Palliativmedizinische Einrichtung, Graz, Steiermark, Österreich
4 Goethe Universität Frankfurt am Main, Institut für Allgemeinmedizin, Frankfurt am Main, Hessen, Deutschland

Hintergrund

Österreichweit existieren mittlerweile einige Einrichtungen, die sich auf die palliativmedizinische Betreuung spezialisiert haben. Da bis dato keine Daten jener Betreuungsart aus gesellschaftlicher Sicht vorhanden sind, wurde im Rahmen dieses Projekts eine Erhebung zum Bekanntheitsgrad und Wissenstand der Bevölkerung über die palliativmedizinische Betreuung in der Steiermark durchgeführt.

Fragestellung

Wie hoch ist der Bekanntheitsgrad und das Wissens zu palliativmedizinischer Betreuung in der Steiermark? Gibt es Unterschiede in Bezug auf das Geschlecht, den Wohnsitz, das Alter und den Bildungsstand? Wird eine palliativmedizinische Einrichtung als notwendig empfunden?

Methoden

Es wurde ein bereits existierender Fragebogen aus dem Slowenischen ins Deutsche übersetzt und adaptiert. Teilnehmer*innen waren über 18 Jahre mit Wohnsitz in der Steiermark, unabhängig von soziodemographischen Merkmalen. 419 Fragebögen wurden deskriptiv analysiert, außerdem Kreuztabellen und Chi-Quadrat-Tests erstellt, um Merkmale wie Alter, Geschlecht, Bildungsstand und Herkunft in Relation zu setzen.

Ergebnisse

70% aller Befragten haben bereits etwas über palliativmedizinische Betreuung gehört, wissen viel darüber oder verfügen über umfangreiches Wissen. Von diesen 70% konnten wiederum 67% die Fragen nach einem der Hauptziele der palliativmedizinischen Betreuung richtig beantworten. Nur 21% denken, die beste Versorgung unheilbar kranker Menschen sei im Hospiz möglich. Außerdem konnten Unterschiede in den Merkmalen Geschlecht, Alter und Ausbildung und Herkunft erhoben werden.

Diskussion

Das Wissen der steirischen Bevölkerung zum Thema palliativmedizinische Betreuung ist relativ groß. Die Verbesserung der Lebensqualität als ein sehr wichtiges Ziel der palliativen Betreuung wird von der Mehrheit erkannt. Aus den Ergebnissen kann entnommen werden, dass in gewissen Bereichen Wissenslücken bestehen. Diese müssen in weiteren Untersuchungen objektiviert werden. Während einige Unterschiede in diversen Kategorien durchaus nachvollziehbar erscheinen, imponieren andere als unerklärlich und könnten als Ansatzpunkt weiterer Forschungsarbeit dienen.

Take Home Message für die Praxis

Für Hausärzt*innen ist es wichtig über den Wissensstand der Bevölkerung zur palliativmedizinischen Betreuung Bescheid zu wissen, um Ängste und Unsicherheiten bzgl. dieser Betreuungsform zu nehmen und damit eine bestmögliche Versorgung für Patient*innen bis zum Lebensende zu sichern.

Stichwörter: Palliativbetreuung, Wissensstand der Bevölkerung zu Palliativbetreuung
11:54 V-13-03

Einsamkeit während der Social-Distancing-Maßnahmen im Rahmen der COVID-19 Pandemie in Deutschland (#326)

W. J. Herrmann1, P. Buspavanich1, 2, M. Berger1, 2, T. L. Majri1, P. Gellert1

1 Charité - Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
2 Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane, Neuruppin, Deutschland

Hintergrund

In der COVID-19 Pandemie kam es im Rahmen der Pandemiebekämpfung zur Einschränkung der sozialen Kontakte insbesondere während der sogenannten „Lockdowns“. Dabei war unklar, welchen Einfluss diese Maßnahmen auf Einsamkeit in der Bevölkerung hatten, insbesondere bei vulnerablen Gruppen wie lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans, inter und asexuellen (LGBTIA+) Menschen.

Fragestellung

 

  • Wie hoch war die Einsamkeit in der deutschen Bevölkerung während der Maßnahmen des Social Distancings in der COVID-19 Pandemie 2020/2021?
  • Zeigen LGBTIA+ Menschen eine erhöhte Einsamkeit im Vergleich zu cis-heterosexuellen Personen?

Methoden

Wir führten eine Online Befragung mit zwei Befragungswellen (März/April 2020 und Januar/Februar 2021) während des ersten und zweiten Lockdowns in Deutschland durch. Einsamkeit wurde mittels der De Jong Gierveld Short Scale gemessen. Zusätzlich enthielt der Fragebogen u.a. Fragen zu sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität, sozialen Kontakten, Depressivität und Gesundheitsversorgung. Mittels R wurden deskriptive und Regressionsanalysen durchgeführt.

Ergebnisse

An der ersten Befragungswelle nahmen 2641 und an der zweiten Befragungswelle 4143 Menschen teil. Von den insgesamte 6784 Teilnehmer*innen waren 5442 Menschen LGBTIA+, 1035 cis-hetero und 352 diesbezüglich nicht zuzuordnen. Die Einsamkeit war in allen Gruppen höher als Vergleichswerte aus Befragungen außerhalb der Pandemie. Ebenso nahm die Einsamkeit von der ersten zur zweiten Welle zu. Risikofaktoren für eine erhöhte Einsamkeit waren ohne eine*n Partner*in zu sein, alleine zu leben, nicht zu arbeiten und LGBTIA+ zu sein. Insbesondere asexuelle (52%), trans (49%) und non-binäre Menschen (48%) hatten ein stark erhöhtes Risiko für Einsamkeit verglichen mit cis-hetero Menschen (20%). Einsamkeit war mit depressiver Symptomatik assoziiert.

Diskussion

Das Sampling der Studie ist nicht repräsentativ, jedoch sind die Zusammenhänge über beide Befragungswellen konstant und die Fallzahl für LGBTIA+ sehr groß im Vergleich zu anderen Studien. Es bleibt unklar, ob bei asexuellen, trans und non-binären Menschen die Einsamkeit auch außerhalb der Pandemie deutlich erhöht ist.

Take Home Message für die Praxis

Hausärzt*innen sollten ihre LGBTIA+ Patient*innen gezielt nach Einsamkeit fragen und lokale LGBTIA+ Organisationen als Ansprechpartner*innen kennen.

Stichwörter: Einsamkeit, COVID-19, LGBTQ, LGBTIA, Online-Survey
12:06 V-13-04

Wenn der Alarm ausbleibt: Minimal und nicht-invasive Glukosemessungen warnen ungenügend vor Hypoglykämien (#49)

N. Lindner1, 2, A. Kuwabara2, T. Holt2

1 Philipps-Universität Marburg, 1. Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin, Marburg, Deutschland
2 University of Oxford, 2. Nuffield Department of Primary Care Health Sciences, Oxford, Großbritannien

Hintergrund

Im Bereich der minimal und nicht-invasiven Glukosemessung gab es in den letzten Jahren große Entwicklungen und eine steigende Anzahl von Menschen verwendet entsprechende Geräte. Hausärzt*innen werden in ihrem Praxisalltag in zunehmenden Maße mit diesen Techniken konfrontiert.

Fragestellung

Während Hersteller Sicherheit und Vorzüge ihrer Geräte zur Detektion von Hypoglykämien bewerben, gibt es keinerlei Evidenz wie zuverlässig Hypoglykämien nachgewiesen werden. Ziel dieses systematischen Reviews ist es daher die Hypoglykämiedetektion von nicht-invasiver und minimal invasiver Glukosemessung im Vergleich zu venöser oder kapillärer Messung bei Menschen mit Diabetes zu untersuchen.

Methoden

Wir durchsuchten die Literaturdatenbanken Clinical Trials.gov, Cochrane Library, Embase, PubMed, ProQuest, Scopus and Web of Science systematisch. Anschließend erfolgten ein standardisiertes Screening, Datenextraktion und Qualitätsbewertung durch 2 Autorinnen. Wir untersuchten die Genauigkeit der Hypoglykämiedetektion mittels einer Metaanalyse und evaluierten den Effekt zuvor festgelegter Einflussfaktoren mittels Metaregression und Subgruppenanalysen.

Ergebnisse

Von 3416 Artikeln konnten wir 15 Studien mit einer Gesamtanzahl von 733 Patient*innen einschließen. Es zeigte sich mit 69.3% [95% CI: 56.8 bis 79.4] eine geringe mittlere Sensitivität bei einer mittleren Spezifität von 93,3% % [95% CI: 88.2 bis 96.3]. Die Metaregression zeigte, dass minimal invasive Glukosemessung eine bessere Hypoglykämiedetektion aufwies als nicht-invasive Methoden. Darüber hinaus gaben Studien mit höherer Gesamtmessgenauigkeit und Studien welche von Herstellern gefördert wurden eine bessere Hypoglykämiedetektion an. Die berichtete Rate von Nebenwirkungen und Gerätefehlern war hoch.

Diskussion

Unserem Wissen nach wurde die Genauigkeit der Hypoglykämiedetektion von minimal und nicht-invasiver Glukosemessung erstmals systematisch analysiert. Das Ziel dieser modernen Messmethode ist das benutzerfreundliche und sichere Monitoring des Glukosespiegels. Die Ergebnisse dieses Reviews zeigen jedoch, dass entsprechende Geräte bislang hierzu nicht mit ausreichender Genauigkeit in der Lage sind.

Take Home Message für die Praxis

Hausärzt*innen sollten sich der Limitation in der Detektion von Hypoglykämien bewusst sein. Das Vertrauen auf eine nicht-invasive oder minimal invasive Glukosemessung kann die Detektion von Hypoglykämien verzögern und birgt daher die Gefahr lebensbedrohlicher Komplikationen.

Stichwörter: Diabetes, Hypoglykämien, Blutzuckermessung, systematisches Review, Metaanalyse
12:18 V-13-05

Entwicklung eines Gesprächsleitfadens zur Beurteilung palliativer Versorgungsbedarfe bei Patient:innen mit nicht-onkologischen chronischen Erkrankungen im Rahmen der KOPAL-Studie (#112)

G. Marx1, N. J. Pohontsch1, T. Mallon1, H. Stanze3, 2, M. Zimansky4, N. Schneider4, F. Nauck2, M. Scherer1

1 Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin, Hamburg, Deutschland
2 Universitätsmedizin Göttingen, Klinik für Palliativmedizin, Göttingen, Deutschland
3 Hochschule Bremen, Fakultät 3 Gesellschaftswissenschaften, Bremen, Deutschland
4 Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Allgemeinmedizin, Hannover, Deutschland

Hintergrund

Die Versorgung von Patient:innen mit chronisch-progredienten nicht-onkologischen Erkrankungen in der letzten Lebensphase wird zu 80-90% durch Hausärzt:innen geleistet. In der ambulanten Palliativversorgung dieser Patient:innen ist eine frühzeitige Intensivierung der berufs- und fachübergreifenden Zusammenarbeit hilfreich. Ein Leitfaden zur Erfassung der aktuellen Versorgungssituation unter Berücksichtigung palliativer Schwerpunktthemen kann helfen, individuelle Bedürfnisse und Bedarfe von Patient:innen zu identifizieren. Diese Informationen können in interprofessionellen Fallbesprechungen genutzt werden.

Fragestellung

Welche Leitthemen müssen für eine umfassende Erhebung der palliativen Versorgungsbedarfe dieser Patient:innengruppe berücksichtigt werden?

Methoden

Adaption und Konsentierung des PEPSI COLA-Schemas (The Gold Standards Framework) gemäß Besonderheiten der Versorgung von Patient:innen mit fortschreitenden nicht-onkologischen Erkrankungen in mehreren Schritten: Entwurf einer deutschsprachigen Leitfaden-Version, inhaltliche Überarbeitung nach Literaturanalyse, kritische Reflexion des Gesprächsleitfadens in drei Workshops mit 1) Patient:innen/Angehörigen, 2) Versorgenden der Medizin und Pflege sowie 3) Expert:innen der spezialisierten Palliativversorgung, der haus- und fachärztlichen (allgemeinen Palliativ-)Versorgung, Patient:innenvertretung und Forschung. Überarbeitung des Gesprächsleitfadens nach jedem Workshop.

Ergebnisse

Der konsentierte KOPAL-Gesprächsleitfaden enthält zentrale Dimensionen der Palliativversorgung und umfasst acht Leitthemen: Leben mit der Erkrankung, Physische Situation, Emotionale Situation, Persönliche Situation, Soziale Situation, Information und Kommunikation, Kontrolle und Autonomie und Notfallplanung.

Diskussion

Der KOPAL-Gesprächsleitfaden ermöglicht eine differenzierte Ersterfassung der aktuellen Lebenssituation schwerkranker Personen durch Palliativversorgende und fördert eine thematische Strukturierung nachfolgender interprofessioneller Fallbesprechungen. Etwaige palliative Versorgungsbedarfe können somit frühzeitig erkannt, kommuniziert und entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden. Eine Anwendung des Leitfadens durch Hausärzt:innen ist denkbar, um Themen zu erfassen, die bisher nicht im Fokus standen und die Versorgungssituation gegebenenfalls anzupassen oder frühzeitig SAPV hinzuzuziehen. Inwiefern hierdurch die Patient:innenversorgung nachweislich verbessert wird, wird derzeit in der KOPAL-Studie geprüft.

Take Home Message für die Praxis

Der KOPAL-Gesprächsleitfaden kann helfen, die aktuelle Versorgungssituation bei schweren fortgeschrittenen nicht-onkologischen Erkrankungen umfassend zu erfassen, etwaige Bedürfnisse und Bedarfe zu identifizieren und die ambulante Palliativversorgung dieser Patient:innen zu optimieren.

Stichwörter: Ambulante Palliativversorgung, Interprofessionelle Zusammenarbeit, Chronische Erkrankungen, Patient:innenperspektive
12:30 V-13-06

Phenprocoumon oder niedrig-dosierte Direkte Orale Antikoagulantien bei Vorhofflimmern? Eine Real-World Studie. (#115)

L. Warkentin1, S. Hueber1, B. Deiters2, F. Klohn2, T. Kühlein1

1 Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Allgemeinmedizinisches Institut, Erlangen, Deutschland
2 GWQ ServicePlus AG, Gesellschaft für Wirtschaftlichkeit und Qualität bei Krankenkassen, Düsseldorf, Deutschland

Hintergrund

Für einige Patient*innen ist die Verordnung von niedrig-dosierten direkten oralen Antikoagulantien (nd-DOAKs) anstelle der Standarddosierung zur Schlaganfallprophylaxe bei nicht-valvulärem Vorhofflimmern empfohlen. Ein erheblicher Anteil aller DOAKs-Patient*innen erhält diese Niedrigdosierung. Bisher konnte keine klare Überlegenheit von nd-DOAKs im Vergleich zu Phenprocoumon gezeigt werden.

Fragestellung

Welche Unterschiede zeigen sich unter Alltagsbedingungen hinsichtlich des Auftretens thromboembolischer Ereignisse, Tod und Blutungen unter nd-DOAKs im Vergleich zu Phenprocoumon?

Methoden

In einer retrospektiven Kohortenstudie wurden Krankenkassendaten von Patient*innen, die erstmalig ein orales Antikoagulans bei Erstdiagnose Vorhofflimmern erhielten, ausgewertet. Neben einer Cox-Regressionsanalyse erfolgte ein Vergleich von Phenprocoumon- und nd-DOAKs nach Propensity Score Matching bezüglich der Endpunkte thromboembolisches Ereignis, Tod und schwere Blutung. Hierbei wurden unter anderem Geschlecht, Alter, Komorbiditäten sowie Begleitmedikation als mögliche Confounder berücksichtigt.

Ergebnisse

Knapp ein Drittel aller DOAKs-Patient*innen mit Vorhofflimmern erhielt eine reduzierte Dosis (n = 21.724). Unter Phenprocoumon (n = 20.179) kam es zu statistisch signifikant weniger thromboembolischen Ereignissen und Todesfällen (Hazard Ratio (HR) mit 95%-Konfidenzintervall: 1,29 [1,13-1,48] und 1,52 [1,41-1,63]) als unter nd-DOAKs. Unter Phenprocoumon zeigte sich kein signifikant erhöhtes Blutungsrisiko im Vergleich zu nd-DOAK (HR: 0,89 [0,79-1,00]). Apixaban war mit einem statistisch signifikant erhöhten Risiko für thromboembolische Ereignisse (HR: 1,42 [1,21-1,65]) und Tod (HR: 1,63 [1,50-1,76]) sowie einem geringeren Blutungsrisiko (HR: 0,75 [0,65-0,86]) assoziiert. Edoxaban und Rivaroxaban waren mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden (HR: 1,40 [1,22-1,60] und HR: 1,45 [1,32-1,59]).

Diskussion

Hinsichtlich des Auftretens thromboembolischer Ereignisse und Todesfälle scheint Phenprocoumon gegenüber nd-DOAKs überlegen zu sein. Möglicherweise werden nd-DOAKs häufiger verordnet als empfohlen, um Patient*innen vor Blutungskomplikationen zu schützen. Gegebenenfalls ist diese Unterdosierung einer der Gründe für das gefundene erhöhte Risiko thromboembolischer Ereignisse unter nd-DOAKs.

Take Home Message für die Praxis

Bei der Therapieentscheidung sollten aktuelle Empfehlungen beachtet werden. Bei Sorge vor Blutungskomplikationen könnte, statt einer unterdosierten DOAK-Therapie, besser Phenprocoumon verordnet werden.

Stichwörter: Direkte orale Antikoagulanzien, Phenprocoumon, Vitamin-K-Antagonisten, Vorhofflimmern, niedrig dosierte Therapie