DEGAM 2021
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Vortrag - Demographischer Wandel in der Hausarztpraxis (Live)

Moderatoren: Lenz , Fabian , Dr. med. (Bereich Allgemeinmedizin, Dresden, Deutschland); Linde , Klaus , Prof. Dr. med. (Institut für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, München, Deutschland)
 
Shortcut: V-10
Datum: Freitag, 17. September 2021, 11:30 - 13:00
Raum: Audimax Hörsaal 1
Sessiontyp: Vortrag

Abstract

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11:30 V-10-01

Wie kann ein Versorgungsprogramm für hausärztliche Patient*innen mit Multimedikation entwickelt und im deutschen Versorgungskontext implementiert werden? Ergebnisse einer qualitativen Stakeholder-Analyse (#265)

T. S. Dinh1, M. - S. Brückle1, A. González-González1, U. Marschall2, F. M. Gerlach1, M. van den Akker1, C. Muth3, 1

1 Goethe-Universität Frankfurt, Institut für Allgemeinmedizin, Frankfurt, Hessen, Deutschland
2 BARMER, Abteilung Medizin und Versorgungsforschung, Wuppertal, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
3 Universität Bielefeld, AG Allgemein- und Familienmedizin, Bielefeld, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Hintergrund

Patient*innen mit Multimedikation sind eine stark zunehmende, oft vulnerable Gruppe mit häufigen Arztkontakten und erhöhtem Risiko für Hospitalisierung, unerwünschten Arzneimittelwirkungen sowie Einbußen an Lebensqualität und Funktionalität. Bislang existieren keine wirksamen Maßnahmen, um die darauf resultierenden komplexen Versorgungsanforderungen gemeinsam zu berücksichtigen. Das EVITA-Projekt (Innovationsfonds; Fkz. 01VSF16034) zielt deshalb auf die Entwicklung von Empfehlungen für ein strukturiertes Versorgungskonzept für die Regelversorgung ab.

Fragestellung

Die vorliegende Studie ist Teil des EVITA-Projekts und untersucht, welche zentralen Versorgungsprobleme multimedikamentös behandelter Patient*innen von relevanten Stakeholdern wahrgenommen werden, welche Implementierungsstrategien strukturierter Versorgungskonzepte sie präferieren und welche förderlichen und hemmenden Faktoren eine Implementierung in die Versorgung beeinflussen.

Methoden

Es wurden n=10 qualitative, leitfadengestützte Experteninterviews mit Hausärzt*innen, Apotheker*innen, einem Patientenvertreter, Vertreter*innen von KBV, Gemeinsamem Bundes-Ausschuss und verschiedenen Krankenkassen geführt, aufgezeichnet, transkribiert und inhaltsanalytisch ausgewertet.

Ergebnisse

Es wurden sechs dominierende Themen in Mikro-, Meso- und Makroebene identifiziert – darunter Versorgungsprobleme von Patient*innen mit Multimedikation (z.B. Arzneimitteltherapierisiken, fehlende koordinierende Struktur, Fragmentierung der Versorgung), ggf. einzubeziehende Stakeholder (z.B. Hausärzt*innen, Krankenkassen), Interventionskomponenten (z.B. Medikationsreview, Assessment) sowie Implementierungsstrategien (z.B. DMP, Selektivvertrag). Die Ansichten der Stakeholder zeigten bei den Befragten ähnliche Wahrnehmungen in Bezug auf vorrangig zu adressierender Versorgungsprobleme, die Ansichten hinsichtlich potentieller Implementierungsstrategien divergierten jedoch stark.

Diskussion

Obgleich die befragten Stakeholder aus Mikro-, Meso- und Makroebene ein ähnliches und ausgeprägtes Problembewusstsein für das Thema Multimedikation aufweisen, weisen stark divergierende Ansichten über potenzielle Implementierungsstrategien auf erhebliche Barrieren zur Einführung strukturierter Versorgungskonzepte hin. Ein gemeinsamer, konsentierter Ansatz ist notwendig, um die Entwicklung und Implementierung eines strukturierten Versorgungsprogramms zu unterstützen und zu ermöglichen.

Take Home Message für die Praxis

Ausgeprägte Problemwahrnehmung für Versorgungsprobleme von Patient*innen mit Multimorbidität und Multimedikation und daraus abgeleiteter Bedarf nach Veränderung wurden als förderliche Faktoren, hingegen Kontextbedingungen und divergierende Stakeholderinteressen als Barrieren für eine erfolgreiche Implementierung strukturierter Versorgungskonzepte identifiziert.

Stichwörter: Multimedikation, Multimorbidität, Versorgungsprogramm, qualitative Forschung
11:42 V-10-02

COVI-PRIM-Gender: Unterschiede in Bezug auf Risikowahrnehmung und Selbstvertrauen zwischen männlichen und weiblichen AllgemeinmedizinerInnen in sieben Ländern während der Covid-19-Pandemie (#399)

L. Stöllinger1, D. Schaffler-Schaden1, A. Avian2, S. Huter1, K. Mergenthal3, H. Bachler4, A. Terebessy6, A. M. Scott7, S. Streit8, G. Piccoliori9, E. Zelko10, M. Flamm1, A. Siebenhofer5

1 Paracelsus Medizinische Universität Salzburg, Institut für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin, Salzburg, Salzburg, Österreich
2 Medizinische Universität Graz, Institut für Medizinische Informatik Statistik und Dokumentation, Graz, Steiermark, Österreich
3 Goethe-Universität, Institut für Allgemeinmedizin, Frankfurt am Main, Hessen, Deutschland
4 Medizinische Universität Graz, Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung, Graz, Steiermark, Österreich
5 Medizinische Universität Innsbruck, Insitut für Allgemeinmedizin, Innsbruck, Tirol, Österreich
6 Semmelweis University, Department of Public Health, Budapest, Ungarn
7 Bond University, Institute for Evidence-Based Healthcare, Gold Coast, Australien
8 Universität Bern, Berner Institut für Hausarztmedizin, Bern, Schweiz
9 Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe Claudiana, Institut für Allgemeinmedizin, Bozen, Italien
10 University of Maribor, Faculty of Medicine, Maribor, Slowenien

Hintergrund

Die Covid-19 Pandemie hat insbesondere AllgemeinmedizinerInnen vor große Herausforderungen gestellt. Im Hinblick auf die zunehmende Feminisierung der (Allgemein-) Medizin erscheint eine genauere Betrachtung der geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Bewältigung der Pandemie relevant.

Fragestellung

Kann ein gender-basierter Unterschied in der Wahrnehmung der Covid-19 Pandemie unter AllgemeinmedizinerInnen festgestellt werden?

Methoden

AllgemeinmedizinerInnen aus Australien, Österreich, Deutschland, Italien, Schweiz, Slowenien und Ungarn beantworteten im Frühjahr 2020 einen Onlinefragebogen zu ihren aktuellen Erfahrungen während der Covid-19 Pandemie. Dieser Fragebogen beinhaltete u. a. Fragen zu Risikowahrnehmung und Selbstvertrauen. Unterschiede zwischen Frauen und Männern wurden mittels multivariabler Verfahren analysiert. Neben dem Geschlecht wurden  die Variablen Untersuchungsland, Ortsgröße, Rolle (Besitzer vs. Angestellte/r) und Alter berücksichtigt. COVI-Prim-Gender ist Teil des internationalen COVI-Prim-Projekts.

Ergebnisse

Insgesamt beantworteten 2602 AllgemeinmedizinerInnen aus Deutschland (48,7%), Österreich (31,7%), Ungarn (6%), Australien (4,2%), Schweiz (4,1%), Italien (2,9%) und Slowenien (2,4%) den Fragebogen. 55,6% der Teilnehmenden waren männlich. Während ein Großteil der Praxen von Männern geführt wurden (60,3%) waren die meisten Angestellten weiblich (70,8%).

Weibliche Allgemeinmedizinerinnen zeigten ein niedrigeres Selbstvertrauen als ihre männlichen Kollegen. Ihre Risiko-Wahrnehmung in Bezug auf die Pandemie lag höher und sie waren öfter unsicher, ob die Behandlung ihrer PatientInnen angemessen ist. Frauen hatten öfter Angst, sich selbst oder ihre PatientInnen mit Covid-19 anzustecken.


Diskussion

Das in dieser Studie in allen Ländern festgestellte niedrigere Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die höhere Unsicherheit bei Allgemeinmedizinerinnen im Vergleich zu männlichen Kollegen ist ein bekanntes Phänomen. Dies könnte strukturelle Ursache haben wie beispielsweise einen Mangel an weiblichen Mentorinnen, den immer noch herrschenden Gender-Pay-Gap und die bei Frauen überwiegende Teilzeitanstellung, was zu weniger Berufserfahrung führt. Mehrfachbelastung durch Familie und Beruf kann zu erhöhtem Stress beitragen.

Take Home Message für die Praxis

Es sind geschlechterspezifische Unterschiede bei der Risikowahrnehmung und beim Selbstvertrauen feststellbar. Gegebenenfalls könnten gezielte strukturelle  Maßnahmen wie Mentorinnenprogramme zur Förderung des Selbstvertrauens von Medizinerinnen beitragen.


Stichwörter: Covid-19 Pandemie, Allgemeinmedizin, Gender
11:54 V-10-03

Wie schätzten bayerische Hausärzt*innen die Gefährlichkeit von COVID-19 und die Angemessenheit der Maßnahmen im Frühsommer 2020 ein? (#237)

K. Linde1, C. Bergmaier1, A. Hapfelmeier1, M. Torge1, N. Barth2, 1, A. Schneider1

1 TU München, Institut für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, München, Bayern, Deutschland
2 LMU MÜnchen, Institut für Soziologie, München, Bayern, Deutschland

Hintergrund

Im Frühjahr 2020 zweifelte eine Minderheit der Bevölkerung an der Gefährlichkeit von COVID-19 und protestierte gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Inwieweit Hausärzt*innen kritische Sichtweisen teilten, ist unbekannt.

Fragestellung

Wie schätzten bayerische Hausärzt*innen die Gefährlichkeit von COVID-19 und die Angemessenheit der Maßnahmen im Frühsommer 2020 ein?

Methoden

Alle 210 allgemeinmedizinischen Lehrpraxen der TU München erhielten postalisch einen vierseitigen Fragebogen. Neben Fragen zu COVID-19 in der Praxis wurden persönliche Ängste, depressive und Angstsymptome sowie persönliche Meinungen zur Gefährlichkeit des Virus, den Maßnahmen, deren Lockerungen und zur Gefahr einer zweiten Welle gestellt. Mithilfe statistischer Analysen (archetypal analysis) wurden aus den Daten Archetypen mit besonders ausgeprägten Meinungsmustern modelliert und Subgruppen von Ärzt*innen identifiziert, die diesen Mustern zuneigten.

Ergebnisse

162 Hausärzt*innen (77% der Angeschriebenen) sandten einen Fragebogen ein; von diesen konnten 143 (68%) mit kompletten Daten in die Archetypenanalyse einbezogen werden. Wir identifizierten vier Meinungsmuster mit entsprechenden Subgruppen: eine kleine Gruppe von „Skeptikern” (n=12) hielt die Bedrohung durch COVID-19 für überschätzt und die Maßnahmen für überzogen; die „Hardliner” (n=34) schätzten die Gefährlichkeit hoch ein und befürworteten konsequente Maßnahmen; die „Abwägenden” (n=77) sahen ebenfalls eine relevante Gefahr, betonten aber die Abwägung von Schäden und Nutzen der Maßnahmen; die “Ängstlichen” GPs (n=20) waren durch stärkere Sorgen und psychische Symptome gekennzeichnet. Ein Teilnehmer erschien (auch auf Basis seiner Freitexte) als in hohem Maße "Corona-skeptisch".

Diskussion

Obwohl es sich bei den Teilnehmer*innen um Lehrärzt*innen einer Universität handelte, gab es unter den Befragten eine große Meinungsvielfalt und eine kleine Gruppe hielt die Gefahr für überbewertet und stand den Maßnahmen skeptisch gegenüber. Die identifizierten Archetypen erscheinen, auch über die befraqte Teilnehmergruppe hinaus, sehr plausibel.

Take Home Message für die Praxis

Vor Beginn der zweiten Welle schätzten bayerische Hausärzt*innen die Gefährlichkeit von COVID-19 und die Angemessenheit der Maßnahmen sehr unterschiedlich ein.

Stichwörter: COVID-19, Befragung, Einschätzung der Gefährlichkeit, Bewertung der Maßnahmen
12:06 V-10-04

Leitlinienadhärenz bei der Versorgung von Schwindelpatienten in der Hausarztpraxis (#427)

F. Lenz1, K. Voigt1, J. Weidner1, L. Sanftenberg2, J. Schelling2, B. Katzenberger3, E. Grill3, A. Bergmann1

1 Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden, Bereich Allgemeinmedizin, Dresden, Sachsen, Deutschland
2 Klinikum der Universität München, LMU München, Institut für Allgemeinmedizin, München, Bayern, Deutschland
3 Institut für medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie (IBE), LMU, München, Bayern, Deutschland

Hintergrund

Schwindel gehört zu den komplexesten hausärztlichen Beratungsanlässen. Die Prävalenz wird zwischen 2,7 und 6,5 Prozent angegeben und nimmt mit steigendem Alter zu. Aufgrund des demographischen Wandels stellt der Schwindel deshalb eine besondere Herausforderung dar. Deshalb wurde durch die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) die Leitlinie „Akuter Schwindel“ implementiert.

Fragestellung

Wie groß ist die Leitlinienadhärenz und welche Faktoren beeinflussen diese?

Methoden

158 Patienten mit Schwindel aus 17 Hausarztpraxen in Bayern und Sachsen wurden rekrutiert. Es wurden soziodemographische und behandlungsspezifische Daten der Patienten und Ärzte erfasst. Drei erfahrene Allgemeinmediziner bewerteten unabhängig die Daten bezüglich Leitlinienadhärenz zur DEGAM-Leitlinie „Akuter Schwindel“, zudem wurden Einflussfaktoren auf die Versorgungsentscheidung untersucht.

Ergebnisse

Die 158 Patienten waren zu 69,6% weiblich (n=110) und durchschnittlich 77,1 Jahre alt (SD 6,2). Die 17 Ärzte waren zu 58,8% männlich (n=10) und durchschnittlich 53,5 Jahre alt (SD8,3). 70,5% (n=12) hatten einen Facharzt für Allgemeinmedizin (AM) und 11,8% (n=2) waren hausärztlich tätige Internisten (htI).
Die Bewertungen der drei beurteilenden Allgemeinmediziner waren nur in 25,3% (n=40) von 158 Fällen gleich, bei 12,0% (n=19) waren sie sogar widersprüchlich. 35,4% (n=56) der Versorgungsentscheidungen wurden als leitliniengerecht beurteilt, während 25,3% (n=40) letztlich nicht abschließend beurteilbar waren.
Bei der Analyse zeigte sich eine signifikant höhere Leitlinienadhärenz bei Internisten und männlichen Ärzten (AM 39,3% vs 48,2% htI; m 41,5% vs. 17,2% w, jeweils p<0,01 Chi²). Patienten- oder schwindelspezifische Eigenschaften hatten keinen signifikanten Einfluss.

Diskussion

Es zeigte sich eine mäßige Leitlinienadhärenz, die vor allem in der Komplexität des Krankheitsbildes begründet liegen dürfte. Selbst die überprüfenden Ärzte konnten nur selten Einigkeit bei der Beurteilung der Fälle erzielen.
Der Einfluss der arztspezifischen Merkmale auf die Leitlinienadhärenz zeigt möglicherweise die unterschiedlichen Herangehensweisen.
Dennoch wäre eine höhere Leitlinienadhärenz wünschenswert, da sie Stütze bei der Diagnostik und Therapie des komplexen Krankheitsbildes sein kann.

Take Home Message für die Praxis

  • In der Studie zeigte sich eine mäßige Leitlinienadhärenz, welche durch arztspezifische Merkmale und die Komplexität des Krankheitsbildes beeinflusst wird.

Stichwörter: Schwindel, Hausarztpraxis, Leitlinienadhärenz
12:18 V-10-05

Medikamentöse Versorgung älterer, türkeistämmiger Pendelmigrant*innen (#322)

A. Stern1

1 Universität Bielefeld, Fakultät f. Gesundheitswissenschaften, AG3 Epidemiologie & Internat. Public Health, Bielefeld, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Hintergrund

Mehrmonatige, jährliche Auslandsaufenthalte können einen Einfluss auf die medikamentöse Versorgung älterer chronisch kranker Patient*innen haben. Unregelmäßigkeiten bei der Medikationsverschreibung und -einnahme können zu vermeidbaren, gesundheitlichen Folgeschäden führen.

Fragestellung

Welche Bedürfnisse haben ältere, türkeistämmige Patient*innen hinsichtlich ihrer medikamentösen und medizinischen Versorgung in Deutschland und der Türkei? Welche Unregelmäßigkeiten und Barrieren lassen sich bezüglich der Medikationsverschreibung und -einnahme identifizieren? Wie können Barrieren in der Versorgung abgebaut werden?

Methoden

In einer Mixed-Methods-Studie wurden qualitative Leitfadeninterviews mit chronisch kranken, älteren, türkeistämmigen Patient*innen, die sich für Zeiträume von 2 – 24 Monaten in der Türkei aufhalten (n = 25) sowie mit Hausärzt*innen (n = 8) geführt. Zusätzlich wurden in einer quantitativen Analyse Versichertendaten älterer, türkeistämmiger Patient*innen der AOK Rheinland/Hamburg (n = 30.560) auf medizinische und medikamentöse Diskontinuitäten hin untersucht und mit den Daten anderer Versicherter verglichen.

Ergebnisse

Fehlende Kenntnisse der eigenen Medikation, Informationsdefizite zur Gesundheitsversorgung in der Türkei und strukturelle Zugangsbarrieren führen zu medikamentösen Unregelmäßigkeiten. Ethische Konflikte für Hausärzt*innen und Konflikte zwischen Ärzt*innen und Patient*innen können entstehen, wenn Patient*innen ihre Hausärzt*innen darum bitten, Medikamente für einen längeren Türkeiaufenthalt zu verschreiben. Aus der Analyse der Versichertendaten geht hervor, dass türkeistämmige Versicherte erkrankungsabhängig signifikant häufiger als andere Versicherte quartalweise ausbleibende Medikationsverschreibungen und Ärzt*innenkontakte aufweisen.

Diskussion

Die erfolgreiche Aufklärung über Erkrankungen und Medikation ist für die medikamentöse Versorgung älterer, chronisch kranker Patient*innen von hoher Bedeutung. Dazu sind größere zeitliche Ressourcen in der hausärztlichen Versorgung ebenso notwendig wie Diversitätssensibilität in der Behandlung. Maßnahmen zum verbesserten Informationszugang (Versorgungsstruktur in der Türkei) für Ärzt*innen und Patient*innen sowie zum Informationstransfer (Übersetzung von Befunden) könnten die Nutzung der Gesundheitsversorgung in der Türkei für die Zielgruppe erleichtern.

Take Home Message für die Praxis

Ältere, türkeistämmige Patient*innen weisen einen erhöhten Aufklärungsbedarf zu ihren Erkrankungen und ihrer Medikation auf. Die frühzeitige, gemeinsame Planung vor längeren Türkeiaufenthalten und die Einbindung Angehöriger unterstützen eine sichere medikamentöse Versorgung.

Stichwörter: Alter, Transnationale Versorgung, Medikation, Pendelmigration, Diversität
12:30 V-10-06

Erweiterungsstudium Allgemeinmedizin (#24)

M. Steinböck1, U. Spary-Kainz1, S. Thun1, R. Glehr1, S. Ziegerhofer1, A. Siebenhofer1, 2

1 Medizinische Universität Graz, Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung, Graz, Steiermark, Österreich
2 Goethe -Universität Frankfurt am Main, Institut für Allgemeinmedizin, Frankfurt am Main, Hessen, Deutschland

Hintergrund

Das Erweiterungsstudium Allgemeinmedizin, wird an der Medizinischen Universität Graz seit dem Wintersemester 2020/2021 wahlweise begleitend zum Studium Humanmedizin oder postgradual angeboten und umfasst zwei Semester. Es werden 32 ECTS-Anrechnungspunkte vergeben. AbsolventInnen des Erweiterungsstudiums erhalten nach Beendigung ein Abschlusszeugnis.

Fragestellung / Diskussionspunkt

Welche wesentlichen Inhalte wurden für ein Erweiterungsstudium unter Berücksichtigung wissenschaftlicher und praktischer Aspekte gewählt, um das Interesse der Studierenden und AbsolventInnen zu wecken?

Inhalt

Dieses Erweiterungsstudium verfolgt das Ziel, Studierenden, die Aufgaben der AllgemeinmedizinerIn im Gesundheitssystem näherzubringen. Hier werden für das praktische Verständnis, Hospitationen in Einrichtungen mit allgemeinmedizinischem Fokus, wie z.B. dem Militärspital oder psychosozialen Einrichtungen, angeboten. Weitere praktische Erfahrungen werden in einem longitudinalen Praktikum in einer allgemeinmedizinischen Praxis über mehrere Wochen, unter Führung eines E-Portfolios, gesammelt. In zwei Speziellen Forschungsmodulen soll zum wissenschaftlichen Arbeiten angeleitet werden. Komplettiert wird das Erweiterungsstudium durch ein Spezielles Studienmodul, in dem die Spezifika der Allgemeinmedizin beleuchtet werden, und die Vielfalt der Allgemeinmedizin gezeigt wird, indem auch hier Ausflüge in Institutionen mit allgemeinmedizinischem Fokus angeboten werden.Es gilt, Studierende auf zukünftige Herausforderungen in dem sich ständig verändernden Gesundheitsbereich vorzubereiten. Sie sollen die Möglichkeit erhalten, neue und herkömmliche Formen des allgemeinmedizinischen Arbeitens kennenzulernen, zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Kritisches Denken, Selbstreflexion und Teamfähigkeit sollen ebenso gefördert werden wie die Entwicklung von Kompetenzen in den Bereichen Management und Unternehmertum.

Take Home Message für die Praxis

Wir vermuteten, dass es schwierig sein würde, Studierende zu motivieren, dieses Erweiterungsstudium zu wählen. Jedoch zeigte sich, dass eine effiziente und interessante Zusatzausbildung trotz des Mehraufwands (aktuell 12 Sudierende) gut angenommen wird. Da die Allgemeinmedizin derzeit mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen hat, wird hier versucht, eine wirksame Gegenmaßnahme zu setzen und damit auch zu einer langfristigen Verbesserung der allgemeinmedizinischen Versorgungslage im niedergelassenen Bereich beizutragen.

Stichwörter: Erweiterungsstudium, Lehre