DEGAM 2021
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Vortrag - Präventionskonzepte neu gedacht (Live)

Moderatoren: Salm , Claudia , (Institut für Allgemeinmedizin, Freiburg, Deutschland); Alexander , Hapfelmeier , PD Dr. rer. nat (Institut für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, München, Deutschland)
 
Shortcut: V-07
Datum: Freitag, 17. September 2021, 8:30 - 10:00
Raum: Audimax Seminarraum 1
Sessiontyp: Vortrag

Abstract

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8:30 V-07-01

Qualitative Interviewstudie über Erwartungen und Wünsche von Patient*innen mit Diabetes mellitus Typ 2 an die hausärztliche Lebensstilberatung zur Bewegungsförderung (#52)

L. M. Friedrich1, V. Van der Wardt1

1 Philipps-Universität Marburg, Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin, Marburg, Hessen, Deutschland

Hintergrund

Ernährung und körperliche Aktivität sind Schlüsselelemente der Prävention sowie der Therapie des Diabetes Mellitus 2 (DM2). Hausarztpraxen, die regelmäßigen und oft engen Kontakt zu den Patient*innen haben, könnten einen Ansatzpunkt darstellen, um körperliche Aktivität zu unterstützen.

Fragestellung

Welche Art der hausärztlichen Unterstützung und Lebensstilberatung wünschen sich Patient*innen mit DM2 zur Förderung der körperlichen Aktivität?

Methoden

Die qualitative Interviewstudie wurde mit Hilfe eines semi-strukturierten Interviewleitfadens in Einzelbefragungen per Telefon durchgeführt. Es wurde über Selbsthilfegruppen und Hausarztpraxen rekrutiert. Die Studie wird weitergeführt, bis Datensättigung erreicht ist. Die Transkripte werden in MAXQDA mittels einer thematischen Analyse analysiert.

Ergebnisse

Bis April wurden 13 Patient*innen (7 Frauen, 6 Männer) mit DM2 zwischen 38 und 80 Jahren eingeschlossen. Die Gespräche dauerten zwischen 32 und 68 Minuten.

Es wurden vorläufige Themen identifiziert, die Einstellungen der Patient*innen aufgreifen und deren Wünsche darstellen. Für die meisten spielt bei Lebensstilberatung das Vertrauen zum Praxisteam und dessen Expertise eine wichtige Rolle. Ein Antrieb der Patient*innen zur Bewegung ist z.B. Angst vor Krankheitsfolgen. Die Hausarztpraxis könnte dabei helfen, individuell passende Bewegungsangebote für die Patient*innen in Bezug auf Erreichbarkeit, Machbarkeit, Spaßfaktor, Häufigkeit und fachliche Betreuung zu finden oder selbst Kurse anbieten. Besonders das Gruppensetting wurde als wichtiges Element von Bewegungsmotivation genannt. Finanzielle Unterstützung bei Kursen und Hilfsmitteln könnte Aktivitätsanreiz darstellen.

Diskussion

Viele Patient*innen möchten sich mehr bewegen und wünschen sich dabei ideelle, praktische und finanzielle Unterstützung von Seiten ihrer Hausarztpraxis.

Es kann diskutiert werden, ob die Teilnehmenden, die sich proaktiv gemeldet haben, repräsentativ für Typ 2 Diabetiker*innen stehen. Als weitere Frage stellt sich, welchen Einfluss die Pandemie auf das Bewegungsverhalten und diesbezügliche Wünsche nimmt.

Take Home Message für die Praxis

Wissen und Übersicht über diverse lokale Bewegungsangebote und ein Gespräch mit Patient*innen über deren individuelle Vorlieben kann deren Motivation und Bewegungsbereitschaft stärken.

Stichwörter: Diabetes Mellitus Typ 2, Bewegungsförderung, Patient*innenbefragung, Qualitative Forschung, Lebensstilberatung
8:42 V-07-02

Ergebnisse der klinischen Studie: Evaluierung des Suizid-Screeners P4 in der Primär- und Sekundärversorgung in Deutschland (#167)

S. Schlüssel1, K. Halfter2, K. Kroenke3, K. Lukaschek1, J. Gensichen1

1 LMUMünchen, Institut für Allgemeinmedizin, München, Bayern, Deutschland
2 LMU München, IBE, München, Bayern, Deutschland
3 Indiana University School of Medicine, School of Medicine, Indianapolis, Indiana, Vereinigte Staaten von Amerika

Hintergrund

Suizidgedanken sind definiert als Überlegungen oder Gedanken daran sich das Leben zu nehmen. Für die behandelnden Ärzte kann es schwierig sein Suizidgedanken zu bewerten, da Herausforderungen- wie Zeitbarrieren, Stigmatisierung und Unsicherheit mit dem Thema Suizidalität- im Praxisalltag vorliegen.

Fragestellung

Ziel der Studie war die Evaluation der deutschen Version des Suizidscreeners „P4“, mit dem Zweck, die Suizidalität bei Risikopatienten in der Primärversorgung in Deutschland zu erfassen und zusätzlich Awareness für das Thema zu schaffen.

Methoden

In einer Querschnittsstudie mit ambulanten Patienten mit Depressionen und/ oder Suizidgedanken erfassten wir den Patient-Health-Questionnaire-depression-Fragebogen (PHQ-9). Es wurden Patienten eingeschlossen die einen PHQ-9-Summenwert ≥ 10 hatten oder die Schlüsselfrage zur Suizidalität positiv beantworteten.  Die konvergente Validität des „P4“ wurde durch den Vergleich zum bereits in Deutschland validierten Suicide Behaviors Questionnaire-Revised (SBQ-R) –Fragebogen untersucht. Die Konstruktvalidität wurde durch Korrelationen zum PHQ-9- und PMH-Fragebogen (Positive Mental Health) bewertet.

Ergebnisse

Die Stichprobe umfasste 223 Patienten (Durchschnittsalter 47,61 ± 15 Jahre; 61,9% Frauen) aus 20 Hausarztpraxen (104 Patienten) und 10 psychiatrischen / psychotherapeutischen Kliniken (119 Patienten) (September 2019 - Februar 2020). Die konvergente Validität wurde durch eine moderate Übereinstimmung mit dem SBQ-R (Cohens kappa von 0,44) gestützt. Der Anteil der Patienten in minimalen, niedrigeren und höheren P4-Suizidrisikokategorien betrug 30,5%, 53,8% bzw. 15,7%. Familie und Freunde wurden als häufigste präventive Faktoren (67%) genannt.

Diskussion

Der P4-Screener ist eine kurze Maßnahme, die beim Screening auf Suizidgedanken, insbesondere in der Primärversorgung, hilfreich sein kann. Durch die Stratifizierung des Risikos, sowie die Identifizierung patientenspezifischer Schutzfaktoren, kann der P4 bei der Planung der Behandlung sowie bei Überweisungsentscheidungen helfen.

Take Home Message für die Praxis

Suizidgedanken sollen in der Praxis aktiv angesprochen werden- Fragebögen können dabei unterstützen.

Stichwörter: Suizidgedanken-Fragebogenevaluation-Suizidprävention
8:54 V-07-03

Zugang zum HIV-Test für Frauen in Berlin (#283)

T. L. Majri1, M. Neveux1, P. Meurer1, A. Schuster1

1 Charite, Allgemeinmedizin, Berlin, Deutschland

Hintergrund

2019 gab es in Deutschland 2600 HIV-Neuinfektionen, davon betrafen 61.5% Männer, die Sex mit Männern (MSM) haben, 18,5% betrafen Frauen. Während bei MSM ein deutlicher Inzidenzrückgang zu verzeichnen ist, haben sich die HIV-Neuinfektionen bei Frauen seit 2010 verdoppelt. Zahlen zur Häufigkeit von HIV-Testung bei Frauen sind nicht bekannt. Ein systematisches HIV-Screening wird nur im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge angeboten, somit ist außerhalb der Schwangerschaft unklar inwiefern HIV-Testangebote Frauen erreichen.

Fragestellung

Mit welchen Zugangsbarrieren zum HIV-Test sind Frauen in allgemeinärztlichen und infektiologischen Schwerpunktpraxen in Berlin konfrontiert?

Methoden

Im Februar 2020 wurde in Berlin eine Vollerhebung der infektiologischen Schwerpunktpraxen durchgeführt (N=29, Dropout N=7), im Februar 2021 folgte eine repräsentative Erfassung in 2,5% aller Allgemeinarztpraxen (N=67, Dropout N=15) Dabei wurden Zugangsdimensionen „Verfügbarkeit“, „Zugänglichkeit“ und „Erschwinglichkeit“ mittels eines standardisierten Website-Screening und telefonischer Befragung erfasst.

Ergebnisse

Ein HIV-Test für Frauen ist in allen befragten allgemeinärztlichen Praxen verfügbar, während 13,5% der Schwerpunktpraxen (N=3) keinen Test für Frauen anbieten. In 63% der allgemeinärztlichen- (N=32) und 50% aller Schwerpunktpraxen (N=11) ist das Risikoprofil entscheidend für eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse. Während Frauen in 36.5% (N=8) der eingeschlossenen Schwerpunktpraxen unabhängig vom Risikoprofil einen HIV Test als Kassenleistung erhalten, wird in 35% (N=18) aller allgemeinärztlichen Praxen unabhängig vom Risikoprofil der HIV-Test als Selbstzahlungsleistung abgerechnet.

Diskussion

Laut nationaler Präventionsstrategie ist der flächendeckende und kostenlose Zugang zu HIV-Testung der wichtigsten Eckpfeiler für die Vermeidung von HIV-Infektionen und dem Erhalt von Gesundheit. In den befragten Praxen in Berlin hingegen zeigen sich in den drei analysierten Zugangsdimensionen deutliche Barrieren und eine uneinheitliche Handhabung. Die oben genannten Präventionsziele werden in der hausärztlichen Regelversorgung somit nicht erreicht.

Take Home Message für die Praxis

In Hinblick auf die aktuellen HIV-Präventionsziele sollten Zugangsbarrieren zum HIV-Test für Frauen in der Primärversorgung reduziert und ein niedrigschwelliges Testangebot etabliert werden. Hierzu ist eine koordinierte, fachübergreifende Versorgung mit Blick auf die sexuelle Gesundheit von Frauen unabdingbar.

Stichwörter: HIV Prävention, Frauen HIV, Testangebote HIV, Schwangerschaftsscreening HIV
9:06 V-07-04

Im Fokus: Versäumte Medikamentenverordnungen bei multimorbiden, geriatrischen Patienten (#284)

C. Salm1, A. Pfefferle1, J. Sauer1, G. Metzner2, S. Voigt-Radloff3, 4, E. Farin-Glattacker2, A. Maun1

1 Universitätsklinikum Freiburg, Medizinische Fakultät, Institut für Allgemeinmedizin, Freiburg, Deutschland
2 Universitätsklinikum Freiburg, Medizinische Fakultät, Sektion für Versorgungsforschung und Rehabilitationsforschung, Freiburg, Deutschland
3 Universitätsklinikum Freiburg, Medizinische Fakultät, Zentrum für Geriatrie und Gerontologie, Freiburg, Deutschland
4 Institut für Evidenz in der Medizin (für Cochrane Deutschland Stiftung), Freiburg, Deutschland

Hintergrund

Patientenorientierte Verordnung von Medikamenten bei multimorbiden, geriatrischen Patient*innen stellt die Behandelnden vor große Herausforderungen. Die gleichzeitige Einnahme von zehn oder mehr Medikamenten (exzessive Polypharmazie) ist keine Seltenheit und zeigte sich assoziiert mit Gebrechlichkeit, Hospitalisierungen, Mortalität und reduzierter Lebensqualität (Veronese 2018, Sganga 2015, Leelakanok 2017, Montiel-Luque 2017)). Gleichzeitig kann Polypharmazie auch zu versäumten Medikamentenverschreibungen führen, deren mögliche negative Auswirkungen weniger untersucht sind (Kuijpers 2008, Gutiérrez-Valencia 2018).

Fragestellung

Welche Verschreibungen werden am häufigsten ausgelassen? Welche Versorgungsaspekte zeigen sich assoziiert mit möglicherweise versäumten Verschreibungen?  Gibt es Hinweise auf eine Assoziation der Häufigkeit versäumter Verschreibungen mit der Funktionalität im Alltag?

Methoden

Im Rahmen der LoChro-Studie, einer randomisiert-kontrollierten Studie zur Evaluation einer neuen lokalen Versorgungsform bei chronisch kranken Älteren (Frank 2019) wird innerhalb einer Querschnittsanalyse der Zusammenhang zwischen Aspekten der Versorgung (Anzahl eingenommener Medikamente, Anzahl Hausarztbesuche, Anzahl anderer Arztbesuche, Vorhandensein eines Medikamentenplans, Kenntnis über die eigene Medikation) und potentiell versäumter Verschreibungen gemessen an den STOPP/START Kriterien V2 (O'Mahony 2015) unter Berücksichtigung  wesentlicher Confounder (u.a. Multimorbidität, Alter, Geschlecht) an etwa 340 Studienteilnehmer*innen untersucht. In einer weiteren Querschnittsanalyse wird ein möglicher Zusammenhang zwischen potentiell versäumter Verschreibungen und Alltagsfunktionalität, gemessen am World Health Organization disability assessment schedule (WHODAS) (World Health Organization 2010) errechnet.

Ergebnisse

Bis Herbst 2021 werden die Ergebnisse der Rechnungen vorliegen.

Diskussion

Gerade weil Polypharmazie die behandelnden Ärzt*innen vor große Herausforderungen stellt, erscheint es wesentlich, sich bewusst zu machen, auf welche Medikamente mitunter verzichtet wird, welche Patienten von potentiell versäumten Verschreibungen besonders betroffen sind und welche Folgen versäumte Verschreibungen haben können.

Take Home Message für die Praxis

In der Praxis sollte berücksichtigt werden, welche Medikamente häufiger nicht verschrieben werden, welche Aspekte der Patientenversorgung möglicherweise mit versäumten Medikamentenverschreibungen assoziiert sind und welche Auswirkungen versäumte Verschreibungen auf Patient*innen haben können.

Stichwörter: Versäumte Verschreibungen, Polypharmazie, Geriatrie, Funktionalität im Alltag, Gesundheitsversorgung
9:18 V-07-05

SARS-CoV-2-Infektion und kardiovaskuläre oder pulmonale Komplikationen in der ambulanten Versorgung: eine Risikoanalyse von Routinedaten (#293)

A. Hapfelmeier1, S. Karapetyan1, K. Linde1, E. Donnachie2, A. Schneider1

1 Technische Universität München, Fakultät für Medizin, Institut für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, München, Bayern, Deutschland
2 Kassenärztliche Vereinigung Bayerns, München, Bayern, Deutschland

Hintergrund

Risikofaktoren eines schweren Krankheitsverlaufs von COVID-19 sind für den stationären Bereich gut beschrieben. Deutlich weniger Evidenz existiert jedoch für Risiken im ambulanten Bereich.

Fragestellung

Sind vordefinierte COVID-19 Risikofaktoren auch im ambulanten Bereich relevant für ein positives PCR-Testergebnis und kardiovaskuläre oder pulmonale Komplikationen nach SARS-CoV-2-Infektion? Lassen sich Risiken aus Routinedaten schätzen?

Methoden

Basierend auf Routinedaten aus der ambulanten Versorgung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) wurde eine Kohorte von Personen mit gesichertem positivem oder negativem PCR-Testergebnis innerhalb der ersten drei Quartale des Jahres 2020 definiert. Durch statistische Modellierung und maschinelles Lernen wurde für vordefinierte Risikofaktoren, die in den fünf Jahren vor PCR-Testung ermittelt wurden, der Zusammenhang und der prognostische Nutzen hinsichtlich eines positiven Testergebnisses und des Auftretens kardiovaskulärer oder pulmonaler Komplikationen im Quartal nach Infektion untersucht. Alle Analysen wurden intern validiert und erfolgten adjustiert für mögliche Störgrößen und für das multiple Testproblem.

Ergebnisse

Es wurden 99.811 Personen mit PCR-Testung identifiziert. In einem vollständig adjustierten multivariablen Regressionsmodell wurde eine positive Assoziation mit einem positiven Testergebnis für Demenz, Typ-2-Diabetes und Adipositas ermittelt. In Bezug auf kardiovaskuläre oder pulmonale Komplikationen waren Hypertonie, koronare Herzkrankheit (KHK), Tabakkonsum, chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), eine frühere Lungenentzündung, chronische Nierenerkrankung (CKD) und Typ-2-Diabetes positiv assoziierte und signifikante Risikofaktoren. Die prognostische Modellierung erreicht eine hohe Modellgüte von AUC >80% und ermöglicht, basierend auf den Risikofaktoren Hypertonie, CKD, COPD, KHK und erhöhtem Alter, die Definition einfacher Entscheidungsregeln für die Bestimmung von Risikopatienten mit einer Sensitivität von 75% und einer Spezifität von 80%.

Diskussion

Einfache Entscheidungsregeln erreichen eine hohe prognostische Genauigkeit, die komplexen Modellierungen nicht unterlegen ist. Sie helfen, vulnerable Risikopatienten zu identifizieren, die in der ambulanten Versorgung besondere Aufmerksamkeit und verstärkten Schutz erhalten sollten.

Take Home Message für die Praxis

Routinedaten ermöglichen eine Untersuchung von Risikofaktoren in der ambulanten Versorgung. Bluthochdruck, CKD, COPD, KHK und erhöhtes Alter sind mit ungünstigen Komplikationen nach SARS-CoV-2-Infektion assoziiert.

Stichwörter: Routinedatenanalyse, SARS-CoV-2, Infektionsrisiko, Verlaufsprognose, COVID-19
9:30 V-07-06

Soziales Rezept: Systematischer Review zur Wirksamkeit von präventiven gemeindebasierten psychosozialen Überweisungsinterventionen (SPI_RE) (#297)

H. Napierala1, K. Krüger1, D. Kuschick1, W. Herrmann1, F. Holzinger1

1 Charité – Universitätsmedizin Berlin, corporate member of Freie Universität Berlin and Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Allgemeinmedizin, Berlin, Deutschland

Hintergrund

Hausärzt*innen stehen häufig vor der Herausforderung psychosoziale Begleitumstände adäquat zu berücksichtigen. Viele Einrichtungen bieten Unterstützungsangebote an, diese sind jedoch regional unterschiedlich und Kommunikationsstrukturen zur Primärversorgung nicht institutionalisiert. Das soziale Rezept (SP) stellt einen innovativen Ansatz dar, vulnerablen Gruppen zielgenau psychosoziale Unterstützungsangebote zu vermitteln und damit eine Versorgungslücke zu schließen. Bisherige Studien sind vielversprechend, jedoch existiert keine umfassende systematische Evidenzsynthese als Grundlage für Implementierungsentscheidungen.

Fragestellung

Ziel dieses systematischen Reviews war es, die Wirksamkeit von gemeindebasierten Überweisungsinterventionen zur psychosozialen Unterstützung zu bewerten.

Methoden

Es wurden Interventionsstudien eingeschlossen, welche die Wirksamkeit auf gesundheitsbezogene und gesundheitsökonomische Endpunkte (Inanspruchnahme) untersuchten. Elf Datenbanken wurden durchsucht, anschließend erfolgten ein zweistufiges Screening und eine Datenextraktion, jeweils durch zwei unabhängige Reviewer*innen. Das Bias-Risiko wurde anhand von EPHPP und RoB 2 bewertet. Endpunkte wurden kategorisiert und die Ergebnisse deskriptiv zusammengefasst.

Das Projekt wurde das BMBF finanziert (Förderkennzeichen 01EL2027A/B). Das Protokoll wurde vorab in PROSPERO veröffentlicht (CRD42020182562).

Ergebnisse

Nach dem Screening von 4723 Publikationen konnten 52 Evaluationen eingeschlossen werden. Diese stammten weit überwiegend aus Großbritannien. Bis auf drei kontrollierte Studien wiesen alle ein Vorher-Nachher-Design ohne Kontrollgruppe auf. 51 Evaluationen erfüllten die Kriterien für ein hohes Verzerrungsrisiko. Im Bezug auf gesundheitsbezogene Effekte zeigen sich für die Endpunkte Angst und Depression, psychisches Wohlbefinden, Einsamkeit und Lebensqualität überwiegend geringe bis moderate Effekte im Sinne einer Verbesserung entsprechender Skalenwerte. Ebenso zeigt sich eine geringe Abnahme der Inanspruchnahme (Hausärztliche Praxen, Notaufnahmen) in der Mehrzahl der erfassenden Studien.

Diskussion

Die Ergebnisse zeigen überwiegend positive Effekte. Die vorhandene Evidenz zu SP ist jedoch von geringer Qualität und das Verzerrungsrisiko hoch. Dies ist ein Hindernis für die Implementierung von SP-Programmen außerhalb Großbritanniens und erfordert die Durchführung methodisch hochwertiger kontrollierter Studien, z.B. in Deutschland.

Take Home Message für die Praxis

Falls sich SP in Deutschland etablieren ließe, könnte dies Hausärzt*innen potenziell entlasten und die Anbindung an Unterstützungsangebote für vulnerable Gruppen erleichtern.

Stichwörter: Soziales Rezept, psychosoziale Unterstützungsangebote, Prävention, Systematischer Review