DEGAM 2021
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Vortrag - Demographischer Wandel in der Hausarztpraxis (Live)

Moderatoren: Sanftenberg , Linda , Dr. (Institut für Allgemeinmedizin, München, Deutschland); van der Wardt , Veronika , Dr. (Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin, Marburg, Deutschland)
 
Shortcut: V-02
Datum: Donnerstag, 16. September 2021, 16:45 - 18:15
Raum: Audimax Hörsaal 3
Sessiontyp: Vortrag

Abstract

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16:45 V-02-01

Erfahrungen und Erwartungen von Angehörigen von Patienten mit Migrationshintergrund mit Gedächtnisproblemen oder Demenz in der Hausarztpraxis: eine Interviewstudie (#50)

V. van der Wardt1, C. W. Shan1

1 Philipps-Universität Marburg, Abteilung für Allgemeinmedizin, präventive und rehabilitative Medizin, Marburg, Deutschland

Hintergrund

In Deutschland leben zunehmend Menschen mit Demenz und Migrationshintergrund, die häufig von Angehörigen zuhause gepflegt werden. Die Bedarfe von pflegende Angehörigen (PA) mit Migrationshintergrund an Hausärzt*innen (HÄ) sind unklar, die Erfahrungen und Erwartungen dieser Bevölkerungsgruppe sind in Deutschland nicht hinreichend untersucht.

Fragestellung

Wie erleben und erfahren PA von Menschen mit Gedächtnisproblemen oder Demenz, die einen Migrationshintergrund haben, die hausärztliche Versorgung in Deutschland? Welche Erwartungen haben sie an HÄ?

Methoden

18 PA mit nicht-deutschsprachigem Migrationshintergrund wurden über Hausarztpraxen oder Hilfsorganisationen rekrutiert, die einen Menschen mit Gedächtnisproblemen oder Demenz zuhause pflegen. Es wurden semistrukturierte, leitfadengestützte Interviews (3 persönlich, 15 telefonisch) durchgeführt. Die Interviews wurden aufgezeichnet, wörtlich transkribiert und thematisch mithilfe der Software MAXQDA analysiert.

Ergebnisse

Vorläufig konnten 5 Hauptthemen identifiziert werden. (1) Belastung (2) Vertrauen in HÄ (3) HÄ als Koordinationszentren (4) Barrieren bzgl. der Beratung (5) Initiative.

Die PA geben hohe Pflegebelastungen an. Pflege zuhause gilt häufig als einzige Möglichkeit, beispielsweise weil kultur- und demenzspezifische Angebote fehlen. HÄ werden als Vertrauenspersonen und medizinische Koordinationszentren gesehen. Gleichzeitig bestehen Barrieren, vor allem bezüglich Beratung, die die Arztbeziehung beeinträchtigen. Beispielsweise empfinden PA teilweise eine eingeschränkte Handlungsfähigkeit der HÄ bei der Demenzversorgung und dadurch fehlende Unterstützung. PA fühlen sich verpflichtet, selbst Initiative zu zeigen, um angemessene Demenzversorgung zu erhalten, beispielsweise bezüglich Informationsbeschaffung. Es wird oft erwartet, dass mehr Initiative von HÄ kommt.

Diskussion

HÄ spielen eine zentrale Rolle für PA. Die große Bandbreite an Migrationshintergründen begrenzt die Studie.

Take Home Message für die Praxis

PA finden vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehungen und Beratung bezüglich Demenz und Pflege wichtig. Die Pflegesituation sollte individuell berücksichtigt werden, da Pflege zuhause oft als einzige Möglichkeit gesehen wird. HÄ sollten dabei Initiative ergreifen und Probleme der PA von sich aus ansprechen.

Stichwörter: Demenz, Angehörige, Migrationshintergrund, Hausarztpraxis
16:57 V-02-02

Hausärztliche Versorgungsqualität und Lebensqualität aus Sicht älterer Patienten mit Gon- und Koxarthrose – Ergebnisse der Kohortenstudie MobilE-TRA (#79)

A. Dirscherl1, L. Sanftenberg1, T. Dreischulte1, K. Voigt3, A. Bergmann3, J. Schelling1, B. Katzenberger2, E. Grill2, J. Gensichen1

1 Klinikum der Universität München, LMU München, Institut für Allgemeinmedizin, München, Bayern, Deutschland
2 Klinikum der Universität München, LMU München, Institut für medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie (IBE), München, Bayern, Deutschland
3 Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden, Bereich Allgemeinmedizin, Dresden, Sachsen, Deutschland

Hintergrund

Die Arthrose ist eine häufig auftretende Erkrankung in der älteren Bevölkerung, welche die Lebensqualität stark einschränken kann. Ein Ziel des MobilE-Net-Projekts (Münchner Netzwerk Versorgungsforschung, Teilstudie MobilE-TRA) ist die Verbesserung der Versorgung und die Förderung der Mobilität und sozialen Teilhabe von Arthrosepatienten.

Fragestellung

Welchen Einfluss hat hausärztliche Versorgungsqualität aus Sicht von Arthrosepatienten auf deren Symptome, körperliche Funktionseinschränkung und Lebensqualität?

Methoden

Aus Hausarztpraxen in Bayern und Sachsen wurden 111 Gon- und/oder Koxarthrosepatienten ab 65 Jahren rekrutiert. Die Studienteilnehmer erhielten einen papierbasierten Fragebogen zur Ermittlung der soziodemografischen Daten, körperlichen Aktivität, Depressivität (PHQ-9), gesundheitsbezogenen Lebensqualität (EQ-5D-5L mit EQ-VAS) und der aus Patientensicht subjektiv wahrgenommenen Versorgungsqualität (PACIC-Short-Form). Die körperliche Funktionseinschränkung sowie die Symptome Schmerz und Gelenksteifigkeit wurden mithilfe des WOMAC-Fragebogens analysiert.

Die Untersuchung erfolgte mittels multipler linearer Regressionsmodelle mit den Prädiktoren Versorgungsqualität, Depressivität, körperliche Aktivität, Alter, Geschlecht und Bildungsstand. Als Outcome-Variablen dienten die EQ-VAS sowie die WOMAC-Subscores für Schmerz, Gelenksteifigkeit und körperliche Funktionsfähigkeit.

Ergebnisse

Von den 111 Studienteilnehmern (Durchschnittsalter 76,5 Jahre) waren 67,6% weiblich. Höheres Alter (beta=-0,901; 95%-KI [-1,705; -0,097]) und höheres Maß der Depressivität (beta=-1,654; 95%-KI [-2,820; -0,488]) waren mit niedrigerer Lebensqualität assoziiert. Zunehmende Depressivität war mit einem größeren Ausmaß an Schmerzen (beta=0,378; 95%-KI [0,180; 0,576]), mehr Gelenksteifigkeit (beta=0,223; 95%-KI [0,135; 0,310]) und schlechterer körperlicher Funktionsfähigkeit (beta=1,628; 95%-KI [0,908; 2,348]) verbunden. Ein signifikanter Zusammenhang der Versorgungsqualität aus Patientensicht mit der Lebensqualität, den arthrosespezifischen Symptomen oder der körperlichen Funktionsfähigkeit konnte nicht festgestellt werden. Auch Geschlecht, Bildungsstand und körperliche Aktivität zeigten keinen signifikanten Einfluss.

Diskussion

Studien mit Patienten mit anderen chronischen Erkrankungen weisen auf einen Zusammenhang zwischen der Versorgungsqualität und der Lebensqualität hin. Dies konnte mit dieser Analyse für Arthrosepatienten nicht bestätigt werden.

Take Home Message für die Praxis

Bei der hausärztlichen Versorgung von Arthrosepatienten sollte besonders auf Anzeichen einer depressiven Komorbidität geachtet werden, da diese die Lebensqualität und die arthrosespezifischen Beschwerden deutlich verschlechtern kann.

Stichwörter: Versorgungsqualität, Lebensqualität, Arthrose, Depression, Mobilität
17:09 V-02-03

Übereinstimmung von hausärztlicher Einschätzung und geriatrischem Assessment bei der Schweregradbeurteilung des Frailty-Syndroms ­ – eine Querschnittsanalyse (#233)

R. Stiels1, A. Mortsiefer2, M. Pentzek1, Y. Pashutina1, S. Wilm1, S. Löscher1

1 Medizinische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Institut für Allgemeinmedizin (ifam), Centre for Health and Society (chs), Düsseldorf, Deutschland
2 UniversitätWitten/Herdecke, Professur für Primärärztliche Versorgung, Fakultät für Gesundheit, Department für Humanmedizin, Witten, Deutschland

Hintergrund

Das geriatrische Frailty-Syndrom bezeichnet einen körperlichen Gebrechlichkeitszustand, der mit verminderter Lebenserwartung und erhöhten Risiken für Polypharmakotherapie, Verwirrtheitszustände, Stürze und Krankenhauseinweisungen verbunden ist. Das Syndrom umfasst verschiedene Dimensionen von Gesundheit, wie z.B. Mobilität, Aktivität und Kognition. Die rechtzeitige Erkennung kann zur Ergreifung präventiver Maßnahmen beitragen.

Fragestellung

Kann der Einsatz der CSHA Clinical Frailty Scale (Rockwood et al., 2005) bei der Schweregradbeurteilung des Frailty-Syndroms in der hausärztlichen Praxis zu einer zuverlässigen Diagnose des Gebrechlichkeitszustands führen?

Methoden

Im Rahmen der cluster-randomisierten multizentrischen COFRAIL-Interventionsstudie wurde bei 383 Patient:innen aus 86 Hausarztpraxen zur Baseline ein umfangreiches geriatrisches Assessment durchgeführt. Vor Beginn des Assessments hatten die behandelnden Hausärzt:innen den Fraility-Grad der Patient:innen mit der CSHA Clinical Frailty Scale  beurteilt. Die Daten des geriatrischen Assessments wurden durch den Hausbesuch einer Study Nurse erhoben. Die Baseline-Ergebnisse sollen durch eine deskriptive, statistische Auswertung auf die Übereinstimmung mit der hausärztlichen Einschätzung des Gebrechlichkeitsgrads geprüft werden.

Ergebnisse

Die vorläufige Analyse der soziodemographischen Daten in der COFRAIL-Gesamtkohorte ergab ein Durchschnittsalter von 83,5 Jahren (SD=6,17). 68,3% waren weiblich, die durchschnittliche Zahl der Medikamente betrug 9,32 (SD=3,60). Zum Kongress werden die vollständigen Ergebnisse der Auswertung vorliegen.

Diskussion

Zeigt sich in der Analyse, dass das Globalurteil der Hausärzt:innen mit den Ergebnissen des geriatrischen Assessments übereinstimmt, spricht das dafür, dass die CSHA Clinical Frailty Scale gut für den Einsatz in der hausärztlichen Praxis geeignet ist und mittels eines einfach und schnell durchzuführenden Messinstruments eine zuverlässige Einschätzung von Gebrechlichkeit gewährleistet wird.

Take Home Message für die Praxis

Intuitive ärztliche Einschätzungen des Frailty-Grads von geriatrischen Patient:innen sind zur Prognoseabschätzung und Therapieplanung oft notwendig und hilfreich. Dabei sollten Hausärzt:innen jedoch stets kritisch hinterfragen, ob in ihrer globalen Einschätzung einzelne Aspekte der Gebrechlichkeit wie z.B. Mobilität oder Kommunikationsfähigkeit über- oder unterrepräsentiert sind.

Stichwörter: geriatrisches Assessment, Gebrechlichkeit, Polypharmakotherapie, Frailty
17:21 V-02-04

Subjektive Gedächtnisbeschwerden und objektive Gedächtnisleistung bei geriatrischen Frailty-Patient*innen (#315)

Y. Pashutina1, S. Kaupen1, M. Pentzek1, S. Löscher1, S. Wilm1, A. Mortsiefer2

1 Medizinische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Institut für Allgemeinmedizin (ifam), Centre for Health and Society (chs), Düsseldorf, Deutschland
2 Universität Witten/Herdecke, Professur für Primärärztliche Versorgung, Fakultät für Gesundheit, Department für Humanmedizin, Witten, Deutschland

Hintergrund

Subjektive Gedächtnisbeschwerden (Subjective Memory Complaints, SMC) sind bei geriatrischen Patient*innen weit verbreitet und stellen einen potentiellen Risikofaktor für das spätere Auftreten von kognitiven Beeinträchtigungen und Demenz dar. Bisher ist jedoch nicht eindeutig geklärt, welchen Aussagewert SMC für die aktuell vorliegende, objektive Gedächtnisleistung bei geriatrischen Patient*innen mit ausgeprägter Gebrechlichkeit im Sinne eines Frailty-Syndroms haben.

Fragestellung

Gibt es einen Unterschied zwischen der aktuell vorliegenden, objektiven Gedächtnisleistung von Frailty-Patient*innen mit und ohne SMC?

Methoden

Für diese Untersuchung wurden Baseline-Daten der cluster-randomisierten multizentrischen COFRAIL-Interventionsstudie zur Verbesserung der hausärztlichen Versorgung bei geriatrischen Frailty-Patient*innen mit Polypharmazie genutzt. SMC wurden anhand der 10. Frage der Geriatrischen Depressionsskala (GDS) „Glauben Sie, dass Sie mit dem Gedächtnis mehr Schwierigkeiten haben als andere Leute?“ mit zwei Antwortmöglichkeiten (ja versus nein) erfasst. Die objektive Gedächtnisleistung wurde mithilfe von CERAD-Verbale Flüssigkeit und CERAD-Wortliste Lernen-Wiederholen-Abrufen erhoben. Die Scores der beiden CERAD-Tests wurden zu einem Wert zusammengefasst. Anschließend wurde für zwei Gruppen (Frailty-Patient*innen mit und ohne SMC) jeweils ein Mittelwert berechnet. Der Mittelwertunterschied wurde mit einem t-Test für unabhängige Stichproben bestimmt.

Ergebnisse

In die Datenanalyse wurden insgesamt 429 Frailty-Patient*innen (68,8% weiblich; Durchschnittsalter = 84,3 Jahre (SD = 6,08)) eingeschlossen. Davon berichteten 95 (22,1%) Patient*innen über SMC. Der t-Test konnte einen signifikanten Mittelwertunterschied zeigen: Patient*innen mit SMC erzielten im Durchschnitt weniger Punkte in der Summe der beiden CERAD-Tests als Patient*innen ohne SMC (t (427) = 4,825, p<0,001).

Diskussion

SMC liefern wichtige Hinweise auf aktuell vorliegende, objektive Gedächtnisprobleme bei geriatrischen Frailty-Patient*innen. Daraus können sich neue Implikationen für die medizinisch-psychologische Diagnostik und mögliche Interventionen im Bereich der Altersmedizin ergeben.

Take Home Message für die Praxis

Hausärzte sollten von geriatrischen Patient*innen geäußerte SMC ernst nehmen und auch explizit erfragen, da sie ein Indikator für eine möglicherweise noch nicht erkannte demenzielle Entwicklung sein können.

Stichwörter: Subjektive Gedächtnisbeschwerden, objektive Gedächtnisleistung, Frailty-Syndrom, Gebrechlichkeit, Demenz