DEGAM 2021
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Poster - Methoden der allgemeinmedizinischen Forschung

Moderatoren: Schmiemann , Guido , Dr. (Abteilung für Versorgungsforschung, Bremen, Deutschland)
 
Shortcut: P-03
Datum: Freitag, 17. September 2021, 11:30 - 13:00
Raum: Container 058.400 Seminarraum 1
Sessiontyp: Poster

Abstract

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11:30 P-03-01

Allgemeinmedizinischer Behandlungsbedarf bei Notaufnahmepatient*innen (#41)

S. Oslislo1, L. Kümpel1, R. Resendiz Cantu1, 2, M. Möckel2, C. Heintze1, F. Holzinger1

1 Charité - Universitätsmedizin Berlin, Gliedkörperschaft der Freien Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin, und Berlin Institute of Health, Institut für Allgemeinmedizin, Berlin, Deutschland
2 Charité - Universitätsmedizin Berlin, Gliedkörperschaft der Freien Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin, und Berlin Institute of Health, Arbeitsbereich Notfallmedizin/Rettungsstellen, Campus Virchow Klinikum und Campus Charité Mitte, Berlin, Deutschland

Hintergrund

EMAPREPARE ist Teilprojekt des Berliner Versorgungsforschungsnetzwerkes EMANET und untersucht die mögliche Umsteuerung von Notaufnahmepatient*innen mit ambulantem Behandlungsbedarf. Im ersten Studienteil (EMAPREPARE I) werden Patient*innen ohne Anbindung an eine hausärztliche Versorgung, die nach ambulanter Notaufnahmebehandlung entlassen werden, eingeschlossen. In diesem Pilotprojekt werden neben Informationen zu Behandlungsalternativen, Termine in allgemeinärztlichen Praxen vermittelt und qualitative Interviews mit Patient*innen durchgeführt. Im zweiten Studienteil (EMAPREPARE II) werden Patient*innen, die mit dem Rettungsdienst in die Notaufnahme eingeliefert und nach ambulanter Behandlung entlassen werden, eingeschlossen. Zur Bewertung des tatsächlichen Versorgungsbedarfes werden Daten zum medizinischen Versorgungsgeschichte, zur subjektiven Behandlungsdringlichkeit sowie zum Entscheidungsablauf und Anfordern des Rettungsdienstes erhoben.

Fragestellung

EMAPREPARE I: Wie nehmen weniger dringliche Notaufnahmepatient*innen ohne Hausärzt*in eine Intervention zur potenziellen Umsteuerung in die hausärztliche Versorgung an?

EMAPREPARE II: Wäre es möglich, weniger dringliche Patient*innen, die mit dem Rettungsdienst in die Notaufnahme kommen, alternativ im hausärztlichen Setting zu versorgen?

Methoden

EMAPREPARE ist eine Mixed-Methods-Studie und umfasst die Erhebung von:

  • Primärdaten (EMAPREPARE I: querschnittliche Patient*innenbefragung  (n=150), Hausärzt*innenbefragung; EMAPREPAPRE II: Patient*innenbefragung (n=350), Fallbeurteilung durch Rettungsdienstpersonal)
  • Sekundärdaten (EMAPREPARE I/II: Krankenhausdaten; EMAPREPARE II: Daten der Berliner Feuerwehr (Behandlungsdokumentation Notaufnahme/Rettungsdienst))
  • Sowie die Durchführung qualitativer Interviews (EMAPREPARE I: Subsample der Patient*innen (n=15-20); EMAPREPAPRE II: Rettungsdienstmitarbeiter*innen (n=15-20))

Ergebnisse

Die Rekrutierung der Patient*innen und Rettungsdienstmitarbeiter*innen erfolgt 2020 und 2021. Zwischenergebnisse werden zum Kongress vorliegen und zur Diskussion gestellt.

Diskussion

Es wird erwartet, dass die Anbindung an eine kontinuierliche hausärztliche Versorgung sowie die Bereitstellung von Informationen bezüglich alternativer Versorgungsoptionen potenziell zu einer Verhaltensänderung hinsichtlich zukünftiger Inanspruchnahme der Notaufnahme beitragen kann (EMAPREPARE I). Des Weiteren wird angenommen, dass die Machbarkeit und Akzeptanz einer Umleitung von weniger dringlichen Rettungsdienstpatient*innen in die hausärztliche Versorgung durch die Versorgungsrealität der Patient*innen und Leistungserbringer*innen eingeschränkt wird (EMAPREPARE II).

Take Home Message für die Praxis

Eine hausärztliche Versorgung könnte zur Vermeidung potenziell weniger dringender Notaufnahmevorstellungen beitragen.

Stichwörter: Versorgungsforschung, Mixed-Methods, Notaufnahme, Rettungsdienst
11:40 P-03-02

Psychosoziale Unterstützungsmaßnahmen für Eltern und erwachsene Kinder am Lebensende—Delphi-Studie zur Konsentierung einer Handlungsempfehlung (#76)

F. A. Herbst1, L. Gawinski1, N. Schneider1, S. Stiel1

1 Medizinische Hochschule Hannover, Arbeitsgruppe Palliativversorgung, Institut für Allgemeinmedizin, Hannover, Niedersachsen, Deutschland

Hintergrund

Psychosoziale Interventionen sind wichtig, um Lebensqualität und Belastungen unheilbar erkrankter und sterbender Patient*innen und ihrer Angehörigen zu adressieren. Spezifische Maßnahmen für (1) unheilbar erkrankte erwachsene Kinder und ihre Elternteile sowie (2) unheilbar erkranke Elternteile und ihre erwachsenen Kinder fehlen.

Fragestellung

Ziel des Beitrags ist, den Delphi-Prozess zur Konsentierung praxisnaher Handlungsempfehlungen nachzuzeichnen und Schlussfolgerungen für die Versorgungspraxis abzuleiten.

Methoden

Im Projekt Dy@EoL (2017-20, BMBF-Förderkennzeichen: 01GY1711) wurden auf Grundlage qualitativer Interviews mit Patient*innen und Angehörigen aus einer vorangegangenen Projektphase 21 Handlungsempfehlungen entwickelt. Vertreter*innen der spezialisierten Palliativ- und Hospizversorgung sowie Hausärztinnen und -ärzte wurden gebeten, Relevanz und Machbarkeit der Empfehlungen auf einer 4-stufigen Likert-Skala zu bewerten und Verbesserungsvorschläge zu äußern (06-07/2020). Ein Konsens über eine Empfehlung wurde erreicht, wenn 80% der Teilnehmenden Relevanz und Machbarkeit mit „stimme voll zu“ oder „stimme eher zu“ bewerteten.

Ergebnisse

Die Teilnahmequote in Delphi-Runde 1 lag bei 43% (n=33/77), in Runde 2 bei 82% (n=27/33). Konsens wurde in Runde 1 zu allen Empfehlungen des Kernthemas „Unterstützung und Entlastung“ erzielt (z.B. zum Eruieren von Sorgen im hausärztlichen Gespräch). Zwei Empfehlungen konnten in Runde 1 nicht konsentiert werden: (i) die begrenzte verbleibende Zeit in Situationen am Lebensende wurde als hinderlich für Biographiearbeit betrachtet; (ii) eine Erklärung wurde vermisst, dass Gespräche über familiäre Kommunikationsmuster nur dann anzubieten seien, wenn diese Muster als belastend empfunden werden. Alle 21 Empfehlungen wurden nach zwei Runden konsentiert.

Diskussion

Die Empfehlungen bieten Hinweise für spezifische psychosoziale Unterstützungsmaßnahmen für Eltern und erwachsene Kinder am Lebensende. Sie beinhalten u.a. Empfehlungen zur hausärztlichen Unterstützung im Rahmen von Familiengesprächen, informieren über weiterführende Versorgungsangebote und werden als Broschüre auf dem Kongress zur Verfügung gestellt.

Take Home Message für die Praxis

Die Handlungsempfehlungen richten sich an Palliativteams sowie an Hausärztinnen und -ärzte und können u.a. im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung von Eltern und erwachsenen Kindern in Situationen am Lebensende eingesetzt werden.

Stichwörter: Palliativversorgung, erwachsene Kinder, Eltern, Eltern-Kind-Beziehungen, Delphi-Technik
11:50 P-03-03

Prävalenz, Migrationsstatus und sozioökonomische Lage hausärztlich behandelter COVID-19-Patient*innen – Erhebung eines Bremer Qualitätszirkels (#118)

G. Schmiemann1, G. Egidi2, K. Gebhardt3

1 Universität Bremen, Abteilung für Versorgunsgforschung, Bremen, Bremen, Deutschland
2 Hausarztpraxis, Bremen, Deutschland
3 Hausarztpraxis, Bremen, Deutschland

Hintergrund

Internationale Studien legen einen Zusammenhang zwischen niedrigem
Sozialstatus und Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit einerseits und dem Outcome von
Infektionen mit Covid 19 nahe.

Fragestellung

Ist der soziökonomische Einfluss und die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit mit einem erhöhten Risiko für eine Infektion mit Covid 19 auch auf Praxisebene darstellbar

Methoden

Retrospektive Beobachtungsstudie in 6 hausärztlichen Praxen. Bei allen
Patient*innen mit symptomatischer COVID-19-Infektion wurden Alter, Geschlecht,
Erkrankungsverlauf und Migrationshintergrund erhoben. Der zeitliche Verlauf der
verschiedenen Pandemie-Wellen wurde beobachtet, Korrelationen zwischen
Migrationshintergrund und regionalem Durchschnitts-Einkommen und Inzidenz wurden
berechnet

Ergebnisse

448 symptomatische Patient*innen wurden erfasst. Die Praxis-Inzidenz
lag durchschnittlich bei 26,9/1.000 Patient*innen im Quartal, das Alter bei 42,4 Jahren,
der Frauen-Anteil bei 50,9%. 44,2% der Patient*innen hatten einen
Migrationshintergrund. In Bezug auf Migrationshintergrund wie auch in der Praxis-Inzidenz war eine starke Streuung
unter den Praxen zu beobachten. Es fand sich ein hoch signifikanter Zusammenhang
zwischen regionalem Durchschnittseinkommen und Migrationshintergrund auf der
einen und der Praxis-Inzidenz auf der anderen Seite.

Diskussion

Auch in einer kleinen Praxisstudie konnte eine starke Assoziation zwischen Durchschnittseinkommen und
Migrationshintergrund mit der Inzidenz symptomatischer COVID-19-Erkrankungen
dokumentiert werden. Diese Assoziation unterstützt die Bestrebungen von spezifischen Interventionen in den
betroffenen Stadtteilen um zu einer Verringerung der Krankheitslast beizutragen.

Take Home Message für die Praxis

Akute Erkrankungen können durch die Auswertung der Praxissoftware auch in kleinem Rahmen mit vergleichsweise geringem Arbeitsaufwand erhoben werden.
Sozioökonomische Aspekte wie Einkommen und Migrationsstatus scheinen das Risiko einer Covid 19 Erkrankung zu beeinflussen.

Stichwörter: Qualitätszirkel, soziale Lage, Covid 19
12:00 P-03-04

Bestand, Bedarf und Praxismodelle Palliativmedizinischer Tageskliniken und Tageshospize im In- und Ausland: Ein Scoping Review (#162)

T. Terjung1, S. Stiel1, N. Schneider1, F. A. Herbst1

1 Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Allgemeinmedizin, Hannover, Niedersachsen, Deutschland

Hintergrund

Die bisherige Entwicklung palliativmedizinischer Tageskliniken und Tageshospize in Deutschland und im Ausland ist in Hinblick auf Versorgungs- und Organisationsformen, sowie Einbettung in die bestehende Versorgungstrukturen, weitgehend unstrukturiert. Forschende als auch Versorgende würden daher von einer systematisierten Übersicht des bisherigen Erkenntnisstands profitieren. Im Rahmen des Forschungsprojekts ABPATITE zur Erforschung des Bestands und Bedarfs palliativmedizinischer Tageskliniken und Tageshospize in Deutschland (G-BA Förderkennzeichen 01VSF19034) wurde ein Scoping Review durchgeführt.

Fragestellung

Was ist aus der aktuellen wissenschaftlichen Literatur über Bestand, Bedarf und Praxismodelle palliativmedizinischer Tageskliniken und Tageshospizen im In- und Ausland bekannt?

Methoden

Dem methodischen Framework von Arksey und O'Malley (2005) folgend, wurden die Datenbanken PubMed, Web of Science Core Collection, CINAHL und Google Scholar systematisch durchsucht, sowie eine Handsuche der Literaturverzeichnisse relevanter Artikel durchgeführt. Inhaltliche Schwerpunkte wurden deskriptiv ausgewertet.

Ergebnisse

Zwei Forscherinnen (TT, FAH) prüften Titel und Abstract von 2.643 Studien, beurteilten davon 172 Volltexte und schlossen 32 Artikel in die Analyse ein. Neun inhaltliche Kernkategorien wurden ermittelt. Eine Kategorie beschreibt die versorgten Patient*innen. Eine unheilbare Tumorerkrankung wird häufig als Voraussetzung für die Zuweisung berichtet. Patient*innen ohne Tumorerkrankung, mit einem Migrationshintergrund und auch jüngere Patient*innen sind hingegen deutlich unterrepräsentiert. Eine in der Literatur häufig genannte Herausforderung ist, dass viele potenzielle Zuweiser*innen zu wenig über palliativmedizinische Tagesangebote wissen und dass auch mögliche Patient*innen beispielsweise aus Angst eine Anbindung dorthin ablehnen.

Diskussion

Es ist anzunehmen, dass auch Patient*innen mit nicht-malignen Erkrankungen von palliativmedizinischen Tageskliniken und Tageshospizen profitieren können, bislang aber offenbar in der Versorgungspraxis unterrepräsentiert sind. Sowohl für die Allgemeinbevölkerung als auch für potenziell Zuweisende sollte mehr Aufklärung über das Konzept der hospizlich-palliativen Tagesversorgung erfolgen, um Vorteile aufzuzeigen und Vorurteile abzubauen.

Take Home Message für die Praxis

Da Hausärzt*innen eine wichtige Rolle bei der Information über palliativ-hospizliche Angebote und die Zuweisung von Patient*innen spielen , ist es wichtig, dass sie mehr über diese Versorgungsformen erfahren.

Stichwörter: Teilstationäre Versorgung, Hospizversorgung, Palliativversorgung, Versorgung am Lebensende, Literaturreview
12:10 P-03-05

Die Bedeutung der räumlichen Analysen für die Zukunftsfähigkeit der allgemeinmedizinischen Forschung. (#197)

O. Klassen1, J. Tillmann1, K. Weckbecker1, E. Münster1

1 Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Gesundheit / Department für Humanmedizin, Witten, Deutschland

Hintergrund

John Snow gilt wegen seines Engagements in der Cholera-Epidemie von 1854 in London als Pionier in Bezug auf räumliche Analysen in der Gesundheitsforschung. Seitdem werden geographische Methoden zunehmend angewendet. Seit den 1950er Jahren wurden diese durch Geographische Informationssysteme (GIS) erheblich weiterentwickelt und neue Einsatzbereiche eröffnet. Das Potential von räumlichen Analysen in der allgemeinmedizinischen Forschung wurde bisher jedoch unzureichend erkannt.

Fragestellung

Bedeutung der Analyse und Visualisierung räumlicher Daten für die allgemeinmedizinische Forschung am Beispiel Pflegebedürftigkeit.

Methoden

Grafische Darstellung und Vergleich der Anzahl Pflegebedürftiger sowie der Hausarztdichte auf Ebene der Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland auf Basis der INKAR-Daten mit der Open Source Software R.

Ergebnisse

Der Vergleich der Hausarztdichte mit der Verteilung der Pflegebedürftigen in Deutschland gibt Hinweise auf erhebliche regionale Versorgungsunterschiede. So existieren Regionen wie der Kreis Recklinghausen (ca. 614.000 Einwohner) in Nordrhein-Westfalen, in denen die Anzahl der Pflegebedürftigen mit 550 Pflegebedürftigen je 10.000 Einwohner besonders hoch ist, während die Hausarzt- und Hausärztinnendichte mit 4,5-5,0 Hausärzten je 10.000 Einwohnern als gering einzustufen ist. Ebenso existieren Regionen, in denen der Anteil der Pflegebedürftigen an der Bevölkerung als gering einzustufen ist mit einer gleichzeitig hohen Dichte an Hausärzten und Hausärztinnen.

Diskussion

Ökologische Studien in der allgemeinmedizinischen Forschung sind gut möglich. Ebenso können generell räumliche Analysen vorteilhaft in der Studienentwicklung (Auswahl einer Studienregion), Studiendurchführung (Sensible Organisation) und Studienauswertung (Adjustierung nach Studienregion) der allgemeinmedizinischen Forschung eingebracht werden.

Take Home Message für die Praxis

Räumliche Analysen in der allgemeinmedizinischen Forschung- ein Zukunftsfeld, um die Belastungen und Herausforderungen der Hausärztinnen und Hausärzte zu identifizieren und mögliche Probleme in der allgemeinmedizinischen Versorgungsforschung zu analysieren.

Stichwörter: Geographische Analysen, Forschung, Allgemeinmedizin
12:20 P-03-06

Messung der Übereinstimmung von Behandlungsentscheidungen in gesundheitlichen Krisen mit dem Behandlungswillen: eine Reliabilitätsprüfung (#327)

T. Riester1, K. Götze2, G. Marckmann3, M. Pentzek4, C. Reisinger5, J. in der Schmitten6

1 Universität Duisburg-Essen, Institut für Allgemeinmedizin, Essen, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
2 Heinrich Heine Universität Düsseldorf, Institut für Allgemeinmedizin, Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
3 Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, München, Bayern, Deutschland
4 Heinrich Heine Universität Düsseldorf, Institut für Allgemeinmedizin, Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
5 Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, München, Bayern, Deutschland
6 Universität Duisburg-Essen, Institut für Allgemeinmedizin, Essen, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Hintergrund

Vorrangiges Ziel von Advance Care Planning ist die Übereinstimmung von Behandlungsentscheidungen mit dem Behandlungswillen – auch bei Patienten, die aktuell nicht einwilligungsfähig sind. Die Messung dieses Outcomes ist komplex, und es fehlen standardisierte, reliable und valide Messmethoden. Im Rahmen der BEVOR-Studie in Pflegeheimen wurde ein Instrument zur Beurteilung der Behandlungskongruenz mit dem Bewohnerwillen in gesundheitlichen Krisen entwickelt.

Fragestellung

Eine Pilotstudie untersuchte, ob Studienmitarbeitende der BEVOR-Studie (Rater) anhand vorliegender Fallakten bei der Verwendung des neu entwickelten Instruments zur Bewertung der Behandlungskongruenz mit dem Bewohnerwillen zu übereinstimmenden Ergebnissen kommen (Interrater-Reliabilität).

Methoden

Basis für die Testung der Übereinstimmung zwischen 5 Ratern waren insgesamt 27 Behandlungsentscheidungen, die bei den Bewohnern in Pflegeheimen getroffen wurden. Die Rater erhielten Fallakten mit folgenden Inhalten zu den Behandlungsentscheidungen: Fotokopien relevanter Ausschnitte der Bewohnerakten, Audioaufnahmen der Kurzbefragungen von Bewohnern, Vertretern und Pflegenden. Durch die Kombination der erhaltenen Informationen aus unterschiedlichen Quellen wird ein Urteil zur Frage der Behandlungskongruenz wie auch zur Qualität des zugrundeliegenden Entscheidungsprozesses gebildet. Für die statistische Auswertung der insgesamt 135 Urteile (5x27) wurde Randolph´s κ berechnet.

Ergebnisse

Bei der Messung des Items „Behandlungskongruenz mit dem Behandlungswillen“ liegt eine gute Interrater-Reliabilität vor (κ=0.71 [KI:0.55-0.86]), bei der „Erläuterung der Entscheidungssituation“ und der „Erläuterung der Handlungsmöglichkeiten“ eine akzeptable (κ=0.45 [0.28-0.62]; κ=0.43 [0.25-0.62]) und bei den Items „Gelegenheit der Abwägung von Handlungsmöglichkeiten“ und „Unterstützung bei der letztendlichen Entscheidung“ eine unzureichende (κ=0.37 [KI: 0.24-0.50]; κ=0.32 [KI: 0.19-0.45].

Diskussion

Trotz kleiner Stichprobe und unsicheren statistischen Schätzungen liefert diese Untersuchung wichtige Hinweise auf das Potenzial und die Schwierigkeiten bei der Bewertung der Behandlungskongruenz mit dem Bewohnerwillen. Zudem sind methodische Schwächen bei der Erstellung der Fallakten deutlich geworden. Eine erneute Reliabilitätstestung mit modifiziertem Instrument ist geplant.

Take Home Message für die Praxis

Die Übereinstimmung der Behandlungskongruenz mit dem Bewohnerwillen in gesundheitlichen Krisen lässt sich retrospektiv messen.

Stichwörter: Advance Care Planning, Übereinstimmung von Behandlungsentscheidungen mit dem Behandlungswillen, Inter-Rater Reliabilität
12:30 P-03-07

Forschungsbeteiligung von Hausärzt*innen: Vergleich zwischen Zufallsstichprobe und Lehrarztstichprobe (#411)

M. Pentzek1, V. Baumgart2, F. - M. Hegerath3

1 Heinrich-Heine-Universität, Institut für Allgemeinmedizin (ifam), Düsseldorf, Deutschland
2 hsg Hochschule für Gesundheit, Department  für Angewandte Gesundheitswissenschaften, Bochum, Deutschland
3 Ruhr-Universität, Abteilung für Allgemeinmedizin, Bochum, Deutschland

Hintergrund

Für die Rekrutierung von Hausärzt*innen für Forschungsprojekte greifen allgemeinmedizinische Institute zuweilen auf die eigenen Lehrarztpraxen zurück. Dabei ist unklar, ob die Teilnahmemotivation bei Lehrärzt*innen wirklich größer ist als bei Hausärzt*innen ohne universitäre Lehranbindung.

Fragestellung

Unterscheidet sich die Beteiligung an einer wissenschaftlichen Umfrage zwischen zufällig ausgewählten Hausärzt*innen und den Lehrärzt*innen von vier Universitäten?

Methoden

Eine fünfseitige Umfrage (Thema: Gedächtnistests in der Hausarztpraxis) wurde postalisch an n=400 zufällig ausgewählte Hausärzt*innen der KV-Region Nordrhein versendet. Eine Einladung zu der gleichen Umfrage (hier online auszufüllen) wurde von vier allgemeinmedizinischen Instituten per E-Mail oder Fax an alle ihre hausärztlichen Lehrärzt*innen (n=589) versendet. Als erfolgte Teilnahme galt ein eingegangener Fragebogen mit >=90% Itemresponse. Der Einfluss der Stichprobenzugehörigkeit auf die Teilnahme wurde per logistischer Regression berechnet.

Ergebnisse

Lehrärzt*innen nahmen deutlich seltener an der Umfrage teil (18,9%) als die Hausärzt*innen der Zufallsstichprobe (59,5%). Dieser Effekt ist unabhängig vom Geschlecht und der Interaktion aus Geschlecht*Stichprobe signifikant (OR 7,06; 95% CI 4,81-10,37; p<0,001). Auf der zentralen inhaltlichen Variable (Anwendung von Gedächtnistests ja/nein) unterscheiden sich Lehrärzt*innen und die Zufallsstichprobe übrigens nicht überzufällig voneinander (Χ² (df=1)=3,07; p=0,080).

Diskussion

Die Beteiligung an einer Umfrage war unter zufällig ausgewählten Hausärzt*innen mehr als dreimal höher als unter Lehrärzt*innen. Der bestehende Lehrkontakt zur Universität war offenbar nicht mit einer höheren Teilnahmemotivation verbunden. Einschränkend ist zu sagen, dass sich auch Einladung (Mail/Fax vs. Post) und Durchführung (Online vs. Papier) zwischen den Stichproben unterschied, so dass unklar bleibt, ob die Zugehörigkeit zur Lehrarztstichprobe an sich oder der Befragungsmodus die geringere Beteiligung bedingt hat. Zudem können wir nur Aussagen zur Teilnahme an einer Umfrage, nicht aber an anderen Studientypen machen.

Take Home Message für die Praxis

Bei der Rekrutierung für Forschungsprojekte könnte die Erwartung einer hohen Teilnahmequote unter Lehrärzt*innen enttäuscht werden. Ein Fokus auf bisher noch nicht universitär angebundene Hausärzt*innen kann sich dagegen lohnen.

Stichwörter: Rekrutierung, Forschung, Responserate, Forschungspraxennetze, Lehrärzt*innen